von Fans für Fans

Sweet, Sweet Lonely Girl

Sweet, spooky and special

von D.S.
Ein Film, der ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. In den letzten Jahren gab es ja bereits mehrere Beiträge, die versucht haben, den Look & Feel klassischer psychologischer und/oder Mystery-Gruselfilme aus den 70ern und frühen 80ern zu imitieren – den wenigsten ist das allerdings derart authentisch gelungen wie SWEET, SWEET LONELY GIRL.

Von ein paar kleineren Fragwürdigkeiten hinsichtlich historischer Akkuratesse einmal abgesehen – der Film spielt im Herbst 1980, und Hauptfigur Adele (Erin Wilhelmi, THE KNICK) läuft permanent mit einem Walkman herum, wobei jenes Gerät in den USA erst im Sommer 1980 auf den Markt kam und damit für ihre Figur viel zu modern und teuer gewesen wäre –, legt Regisseur A.D. Calvo enorme Finesse dabei an den Tag, die typische Bild- und Tongestaltung der Filme aus jener Zeit zu rekreieren.

Aber nicht nur die blassen Farben, die langen Einstellungen und die kommentierend wirkenden Pop- und Rocksongs im Soundtrack lassen Erinnerungen an die wenig effektgetriebenen, bereits durch ihre Kameraperspektiven und Tonfärbung bis ins Mark Unheilvolles verheißenden Werke einer vergangenen Epoche wach werden: Genau wie jene schafft SWEET, SWEET LONELY GIRL im Zusammenspiel aus Stilistik und Inhalt eine Atmosphäre wie in einem düsteren Traum, in dem die scheinbare Sicherheit einer rational getriebenen Welt sich in Schatten, Ängsten, übernatürlichen Wahrnehmungen auflöst. Die Grenze zwischen Realität und Phantasmagorie wird durchlässig, das Unerklärliche und Grauenhafte hält subtil Eintritt in den Alltag und lässt diesen die Gestalt und das Gefühl eines schwarzen Märchens annehmen.

In dieser Hinsicht funktioniert SWEET, SWEET... ganz ähnlich wie etwa LEMORA, BURNT OFFERINGS, THE CHANGELING oder sogar auch DON'T LOOK NOW – und wird Liebhabern dieser untergegangenen atmosphärischen Genre-Spielart mit ziemlicher Sicherheit fesseln und begeistern. Allerdings ist es auch klar, dass es nicht (mehr) allzu viele Liebhaber dieser Spielart gibt.

SWEET, SWEET... erzählt seine Geschichte naturgemäß sehr langsam, legt weniger Wert auf Handlungshöhepunkte als auf das Erzeugen einer Stimmung, erfordert vom Zuschauer die Bereitschaft, sich darauf einzulassen und Merkwürdigkeiten, übersinnliche Geschehnisse, offene Fragen oder gar die Abwesenheit von dem, was man Logik nennt, zu akzeptieren. Der Aufbau der Geschichte um die einsame Einzelgängerin Adele, die als eine Art Haushaltshilfe bei ihrer kranken, nahezu als körperloses Schattenwesen dahinvegetierenden Tante Dora lebt und die rauschhaft reizvolle, jedoch auch ätherisch Abseitiges ausstrahlende Beth (Quinn Shephard – wow) kennenlernt, geschieht auf äußerst behutsame Weise. Die viele langweilen dürfte. Bis sich die Geschehnisse im Finale plötzlich überschlagen. Und die Fragezeichen auf der Stirn sich multiplizieren. Sagen wir es so: ein THE HOUSE OF THE DEVIL von Ti West ist dagegen mainstreamkompatibelste Blockbuster-Ware.

Ein sehr spezielles Vergnügen also. Von meiner Warte aus aber absolut empfehlenswert. Und neben den Fans der genannten Filme auch für alle interessant, die einmal etwas völlig anderes als die heutige laute, Jump-Scare-verseuchte Durchschnittsware sehen möchten. Dicke 7 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

30.04.2017, 03:37



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