von Fans für Fans

Sweet, Sweet Lonely Girl

Einsamkeit trifft sexuelles Erwachen = Oldschool-Gänsehaut

von Leimbacher-Mario
Die guten alten, sepiafarbenen, dreckigen & entschleunigten 70er - ein goldenes Gruseljahrzent. Vom Omen über den Changeling (ok, 80er-Jahrgang) bis zu den Daughters of Darkness, war da viel zum Zungeschnalzen dabei. "Sweet, Sweet Lonely Girl" greift den Retro-Trend zu dieser glorreichen Gruselepoche auf und liefert eine Mischung aus Geistermar und Coming-of-Age-Drama, die Fans dieser Horror-Untergattung definitiv auf ihre Watchlist setzen sollten. Licht aus, Rotwein raus, Stimmung an.

In jedem Moment sieht man die Liebe zu und das Wissen über diese Epoche. Regisseur Calvo weiß was er tut, selbst wenn sein lesbischer Chiller oft tollpatschige Anflüge eines Regiedebüts hat. In anderen Momenten tänzelt er dann wieder wunderschön wie ein meisterliches Gemälde. Es geht um ein junges Mädchen, dass auf ihre Tante in einem gruseligen Haus aufpassen muss. Und während diese kranke Tante nie aus ihrem Zimmer kommt und seltsame Geräusche macht, erlebt die Kleine ihren ersten Frühling mit einer hübschen und ihr ziemlich entgegengesetzten dunkelhaarigen Sexbombe...

"Sweet Sweet Lonely Girl" ist ein schauriger Gourmethappen. Nichts für Ungeduldige, nichts für die aktuelle Generation bzw. den Großteil davon. Sehr zahm, manchmal vielleicht zäh und mäandernd, aber öfters faszinierend und spannend. Man muss Details & Atmosphäre aufsaugen. Kein Jumpscare-Gewitter sondern ein leiser Creeper. Ihn mit Bavas Meisterwerken in einem Topf zu werfen legt ihm vielleicht sogar mehr Steine in den Weg als es hilft. Inspiriert ist er davon jedoch schon. Freunde des gepflegten Grusels müssen ihn nachholen, falls sie ihn auf dem Filmfest verpasst haben. Es sei denn er kommt gar nicht ins Heimkino... wobei die Verleiher dann dumm wären und kein Feingefühl hätten. Der erotische Geistertanz hat dies dafür umso mehr.

Stärker als der ähnlich gelagerte Netflix-Film "I Am The Pretty Little Thing That Lives In The House". Manche Bilder sind von einer hypnotischen Schönheit, die End-70er wurden grandios getroffen. Trotzdem hat der Film diese zeitlose Art, die auch schon andere große Grusler der jüngeren Vergangenheit auszeichnete. Weitere Highlights sind ein atmosphärischer (jaja, meistgenutztes Wort des Reviews. Aber es passt nunmal!!!) Soundtrack und eine bittersüße Hauptdarstellerin, die mich an die junge unschuldige Jodie Foster erinnert.

Fazit: für Fans von altmodischem Grusel - langsam, dezent, sehr atmosphärisch. Hat Gänsehaut-Momente, hat Gähn-Momente. Insgesamt aber lobenswert klassisch & antimainstream. Da wären noch mehr Furcht & Schauer drin gewesen!
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

01.05.2017, 00:56



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