von Fans für Fans

It

Gegen das Vergessen

von Huan Vu
Die alten TV-Filme und dann das Buch waren für mich schon sehr prägend. Von daher geh ich natürlich recht kritisch rein und es ist sicher auch eine Hürde, dass ich die Geschichte bereits im Vorfeld kenne. Aber ich glaube, wenn man diese Faktoren sauber weg rechnen könnte, käme weiterhin Enttäuschung raus. Umso lieber würde ich nun sehen, was Cary Fukunaga mit seiner Arthouse-Herkunft daraus gemacht hätte. Die Muschiettis sind jedenfalls aus meiner Sicht keine gute Wahl gewesen.

"It" ist aber nicht schlecht. Die Darsteller sind gut und als "normaler" Horrorfilm taugt er, für unvoreingenommene Teenager sowieso. Die vielen Jump Scares, der harte Sounddesign-Terror und die creepy Set- und Monster-Designs sind nicht völlig wirkungslos. Das ist die klare Handschrift der Muschiettis, das können sie. Aber Stephen Kings Stil und Atmosphäre einfangen? Davon keine Spur.

Die Entscheidung, im ersten Film nur die Zeitebene der Kinder zu beleuchten, kann ich verstehen. Produktionstechnisch macht es das leichter zu stemmen und durch die nun lineare Struktur ist das filmische Erzählen schön direkt und unverschachtelt. Angeblich ist diese Idee bereits unter Fukunaga entstanden. Bei den Muschiettis ist in Interviews durchzuhören, dass sie die Flashback-Struktur des Buches eigentlich mochten, aber als sie dazukamen, sei es wohl schon zu spät gewesen, da noch daran zu rütteln. Das Drehbuch stand bereits.

Wie dem auch sei, ich halte die Umstrukturierung für einen Fehler. Die lovecraft-typische zeitliche Verschachtelung ist ein essentielles Element des Gruselfaktors. "Es" ist wieder da. Immer noch da. "Es" kann nicht so leicht besiegt werden. Kehrt immer wieder zurück. Dadurch, dass sich die Loser kollektiv erinnern müssen, wird auch das Grundthema des Buchs deutlich. Die Einwohner von Derry schauen nicht nur weg, sie vergessen auch. Wir Menschen schauen immer wieder mal weg und vergessen und haben Schwierigkeiten, uns präzise zu erinnern. Deswegen ist es auch so wichtig, sich zusammen wieder zu erinnern, so wie es der Losers Club tut.

Gerüchten zufolge geschah der Split mit Cary Fukunaga, da er sich unter anderem Gedanken über die berühmt-berüchtigte "Gangbang"-Szene gemacht hat. Die Muschiettis hatten von Vornherein null Interesse an dieser Kontroverse und halten die Szene für ein unnötiges Symbol für das Erwachsenwerden der Kinder. Was aber falsch ist, King hat die verstörendste Szene des ganzen Buchs nicht einfach zum Spaß als reinen Symbolakt geschrieben. Er hat selbst mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass es der entscheidende Schlüssel für die Verbindung beider Zeitebenen ist, der entscheidende Schritt gegen das Vergessen. Die sieben Loser können "Es" nur besiegen, wenn sie es gemeinsam bekämpfen. Es braucht ein gemeinsames Erlebnis, das sie nie vergessen werden. Pervers? Sicher. Aber innerhalb Kings Erzählung logisch nachvollziehbar und vollkommen konsequent. In der Neuverfilmung kommt das (rein freundschaftliche) Bonding dagegen erst am Ende, als Belohnung, nicht als Schutzmaßnahme und auch nicht als magisches Ritual hin zu etwas, was normale kindliche Blutsbrüderschaft bei weitem übersteigt.

Mir ist klar, dass eine Sexszene zwischen Kindern hochproblematisch ist, aber ich kann absolut verstehen, warum sich Fukunaga diesbezüglich Gedanken gemacht hat. Denn das ist die Nuss, die es hier für eine gute Verfilmung zu knacken gegolten hätte. Das Design von Pennywise (nun in verblichenem 19.-Jahrhundert-Kostüm und mit überdeutlichem Monster-Look) ist dem gegenüber völlig irrelevant.

Anstatt sich also mit dem Wesenskern des Romans auseinander zu setzen, bekommen wir einen stinknormalen Horrorfilm mit den üblichen Klischees. Alle Antagonisten sind z. B. viel zu deutlich gezeichnet, mehr Naturalismus und Ambivalenz (siehe "The Witch" z. B.) hätte hier Wunder gewirkt. Auch gerade, wenn es der Einfluss von Pennywise sein soll - denn warum sollte das Böse in der unmittelbaren Nachbarschaft so offen erkennbar sein?

Stellenweise macht es der Film dank der betont sympathischen Hauptfiguren ganz gut und erinnert positiv an "Stand By Me". Dann mutiert er aber auch immer wieder mal zu einer aufgedrückt-liebevollen 80er-Jahre-Komödie mit guten, aber viel zu vielen Gags. Einfühlsam und schön nostalgisch, aber sind wir nicht auch zum Gruseln gekommen? Deswegen immer wieder mal handelsübliche Horrorschocker-Szenen. Vielleicht finden manche diesen wilden Genremix toll, aber auf mich wirkte das in keinster Weise durchdacht.

Gut möglich, dass der neue Film genauso erfolgreich wird wie der alte. Und wieder Heerscharen von Jugendlichen prägen wird. Die dann als Erwachsene alle Flaws vergessen haben werden. Zu wünschen wäre aber, dass wir nicht vergessen, warum und wieso wieder einmal etwas verkorkst wurde, was ernsthaft großartig hätte sein können.
Huan Vu
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

08.09.2017, 02:25



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