von Fans für Fans

It

Unheimliche Version von Stand by Me

von ArthurA
Im Vorfeld lag sowohl in den Medien als auch bei den Fans der Vorlage und der (schlecht gealterten) Miniserien-Adaption von 1990 der Fokus auf der Besetzung des Clowns Pennywise, der durch Tim Currys grandiose Performance zu einer Horrorikone und dem Sinnbild eines Horror-Clowns wurde. Doch wenn man den Film sieht, merkt man schnell, wie viel wichtiger die Besetzung der Kinder war als die von Pennywise, und zum Glück ist diese ausnahmslos gelungen. Bereits nach wenigen Minuten, in denen wir Bill gemeinsam mit Eddie, Richie und Stan erleben, nimmt man den vier sofort ihre Freundschaft ab, und die anderen drei fügen sich nahtlos ein. Keins der Kinder wirkt überflüssig in der Gruppe, jedes hat eine eigene Rolle im Geschehen zu spielen und alle jungen Darsteller wirken ausgesprochen natürlich in ihren Rollen. Jeder Filmfan weiß, dass gute Kinderdarsteller nicht selbstverständlich sind und eine alte Weisheit des US-Komikers W.C. Fields besagt, man solle nie mit Kindern oder Tieren arbeiten. Umso beeindruckender ist es, dass hier der komplette Film von sieben Kindern getragen wird, ohne einen einzigen Ausfall. Nicht nur haben sie wunderbare Chemie und lässigen Umgang miteinander, sodass ihre feste Freundschaftsbande und die "einer für alle, alle für einen"-Einstellung sehr authentisch wirken, sie verhalten sich auch realistisch im Angesicht der unbeschreiblichen Schrecken, die ihnen begegnen. Sie haben spürbare Angst und sie stellen sich dem Monster widerwillig, weil sie wissen, dass ihnen sonst niemand helfen wird. Es ist erfrischend, wenn Richie die Gruppe wiederholt ermahnt, dass sie nur Kinder sind, die im Sommer draußen Spaß haben sollten, anstatt in der Kanalisation oder heruntergekommenen Häusern einem Monster hinterherzujagen.

Obwohl alle Kinder wirklich gut besetzt sind, bleibt die Figurenzeichnung bei den meisten alleine schon aus Zeitgründen eher oberflächlich, mit der Ausnahme von Bill und Beverly. Die Darstellerin der letzteren ist besonders hervorzuheben. Newcomerin Sophia Lillis ist eine schauspielerische Wucht, die jede ihrer Szenen an sich reißt und am Ende noch deutlich mehr in Erinnerung bleibt als Pennywise und seine Trickkiste. Nach außen hin mutig und beherzt, versteckt sie tief sitzende Wunden, die ihr durch ihren Vater zugefügt wurden. Der Kampf gegen Es ist für sie zugleich auch die Emanzipation von einem noch größeren und ihr deutlich näheren Ungeheuer. Lillis erinnert an eine junge Amy Adams mit entsprechend ausgeprägtem Talent (ironischerweise wird sie demnächst in der HBO-Miniserie "Sharp Objects" sogar eine junge Version von Adams spielen) und wenn die Academy Genrefilme nicht ignorieren würde, wäre sie eine klare Kandidatin für eine Nebendarstellerin-Oscarnominierung. Ja, sie ist so gut!

Man kommt natürlich nicht umhin, auch die Performance von Skarsgård als Pennywise anzusprechen. Angelegt als eine Mischung aus Heath Ledgers Joker (der goldene Standard für Bösewichte heutzutage, wie es scheint) und Robert Englunds Freddy Krueger, ist sein Pennywise weniger aufrichtig gruselig, sondern viel eher unheimlich und, aus Mangel an einem besseren Ausdruck, fucked up. Dieser Pennywise spielt mit seinen Opfern, verhöhnt sie und schickt sie, ähnlich zu Freddy, in ihre ganz eigenen Albtraum-Szenarien. Die Make-up- und Effektekünstler holen sehr viel aus Pennywise heraus. Im Gegensatz zur alten Miniserie ist das Monster hier noch viel weniger auf eine bestimmte Form festgelegt, sodass Pennywise gar nicht so viele Auftritte hat, wie man vielleicht vermuten würde. Vielmehr macht sich Muschietti die formwandelnden Eigenschaften des Monsters aus dem Roman zunutze und ließ seiner Vorstellungskraft freien Lauf, was insbesondere beim großen Showdown zu einigen echt spektakulären visuellen Eindrücken führt (insbesondere in einem IMAX-Kino, in dem ich den Film sah), die im Gedächtnis haften bleiben.

Was Andy Muschietti in Es nicht schafft, ist es, dem Film einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Wie schon bei seinem Regiedebüt Mama zeigt er wieder, dass er ein solider, sicherer Horror-Regisseur ist, dessen Stärken aber mehr bei den Charakteren und weniger bei der Atmosphäre liegen. Muschietti ist (noch) kein Visionär und bei den Gruselszenarien seines Films bedient er sich freilich bei Vorbildern wie Guillermo del Toro, Wes Craven und sogar Nicolas Roeg, dessen Klassiker "Wenn die Gondeln Trauer tragen" in einer Szene ganz spezifisch zitiert wird. Er imitiert gut, ohne große Patzer (von seiner Vorliebe für Effekte vielleicht abgesehen), doch es fehlt das letzte Bisschen der eigenen Vision und Originalität zum Meisterwerk-Status. Lob gebührt jedoch definitiv dafür, dass das Gefühl, das Stephen King in seinem Roman erzeugt, sehr gut getroffen wird. Erfreulich ist auch, dass Muschietti der Versuchung widersteht, auf den Erfolgszug von "Stranger Things" aufzuspringen und sich in der Achtziger-Nostalgie zu suhlen. Das Setting ist schon klar definiert (Lethal Weapon 2 und Batman spielen im Kino, Richie zockt "Street Fighter"), die Geschichte wirkt aber zeitlos.
ArthurA - Original-Review

08.09.2017, 17:16



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