von Fans für Fans

It Comes at Night

Apokalyptisches Kammerspiel

von Dr_Schaedel
Meine Bekannte, die diesen Film nicht sah, aber im Vorraum auf den nächsten wartete, hat es gut aus den Gesichtern der Besucher gelesen, die den Saal verließen: Aus diesem Film geht man nicht fröhlich heraus.

Wer hier Zombie-Invasion oder infektiösen Body-Horror erwartet, dürfte enttäuscht werden. Dass es eine Krankheit gibt, die die Menschheit dezimiert, steht zwar von Anfang an unmissverständlich im Raum, aber letztlich geht es um andere Dinge, z. B. Menschlichkeit, Vertrauen und den Beschützerinstinkt, wenn es um das Überleben der eigenen Familie geht. Beschützerinstinkt, der auch in Brutalität und Irrsinn umschlagen kann. Es ist Krieg, in den Wäldern und in den Häusern.

Stellvertretend für diesen Grenzgang am Rande der Menschlichkeit steht der Familienvater Paul. Wie wir erfahren, war er einst ein braver Lehrer und nicht immer der harte, waffenstarrende, ultra republikanische Leitwolf, als der er gleich zu Beginn eingeführt wird. Sein Sohn Travis will so gar nicht nach ihm kommen, ebenso wie die Frauen im Film sucht er nach Verständigung und Nächstenliebe, was sich angesichts der Bedrohung leider auch nicht ohne Fragezeichen umsetzen lässt.

Das macht IT COMES AT NIGHT vermutlich so bedrückend: Er wirft die großen Fragen unserer Zeit auf, wo es denn nun angebracht ist, sich gegenseitig zu vertrauen und zu helfen, und wo man zum Selbstschutz alle Menschlichkeit über Bord werfen und zur Bestie werden muss. Das Häuschen im Wald oder die Festung Europa, es ist nur eine Frage der Dimensionen.

So gesehen: toller Film. Aber auch nicht ganz makellos:

Ein bisschen nervig: die Traumsequenzen. Wo es nicht mehr an Body Horror zu zeigen gibt als ein paar Pusteln, und wo hinter der Tür nichts anderes lauern dürfte als der hilfesuchende Nächste, muss man ja nicht so gmx-News-mäßig auf die Kacke hauen. Fand ich ein wenig überflüssig und der Geschichte nicht sehr zuträglich, zumal es sich auch zu oft wiederholte.

Und dann muss sich der Film auch ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen, z. B. die nach dem Sinn des Titels. Wer oder was kommt denn nun bei Nacht? Die Krankheit? Die ist immer da. Fremde? Die scheinen eher bei Tag die größere Gefahr darzustellen. Und wer hat überhaupt die Tür offen gelassen? Travis war's nicht, Andrew auch nicht, und der Hund Stanley dürfte es kaum selbst gewesen sein.


Dennoch: Ein gelungenes, apokalyptisches Kammerspiel mit wenig, aber pointierter Action und vielleicht zu klaren Rollenbildern, aber guten Darstellern und konsequenter Geschichte. Bleibt noch eine Weile im Kopf.
Dr_Schaedel
sah diesen Film im Cinemaxx, München

10.09.2017, 13:12



Weitere Informationen (externe Links):