von Fans für Fans

Jungle

Dschungelcamp

von Lizzie
Also zuerst einmal: Ich bin ein großer Südamerika-Fan und war sehr beeindruckt von den wirklich schönen Landschaftsaufnahmen (die übrigens gar nicht Bolivien zeigen, wo das ganze spielen soll, sondern Kolumbien und Queensland in Australien). Und ich mag auch Daniel Radcliffe, seitdem er nicht mehr Harry Potter ist, sondern wieder mal mit ganzem Körpereinsatz gegen dieses Image anspielt. Ich bin mir auch ganz sicher, dass die wahre Geschichte von Yossi Ghinsberg, auf dem "Jungle" beruht, erzählens- wie verfilmenswert ist. Aber vielleicht nicht unbedingt so.

Die Handlung kommt sehr langsam in die Gänge. Wir beobachten Yossi bei seiner Backpackertour, wie er auf Berge steigt, Kakteengebräu trinkt, eine schöne Backpackerin kennenlernt etc. - was alles keine Rolle spielt, es geht hier nur darum, zu zeigen, dass Yossi die Zeit seines Lebens hat, was man sehr schnell begreift. Wofür der Film sich dann allerdings keine Zeit nimmt, ist es, die Charaktere zu etablieren, die später unsere Reisegruppe in der lebensfeindlichen echten Wildnis bilden: Yossi lernt den Schweizer Lehrer Marcus zufällig auf einem Fährboot kennen, beide sitzen sich gegenüber und schütteln sich die Hand - aber dann wird abgeblendet, und nur Yossis Voice-Over informiert uns sinngemäß, dass Marcus der beste Mensch und Freund war, den er je kennengelernt hat. Dabei wird nie wirklich klar, warum sich gerade die beiden anfreunden. Denn auf der Expedition kommt Marcus nur die Rolle des fußlahmen Angsthasen zu, von dem auch Yossi bald insgeheim genervt ist. Auch wie Karl - ein betont undurchsichtiger Goldschürfer, gespielt von Thomas Kretschmann - Yossi so dermaßen schnell überzeugen kann, sich gerade von ihm für viel Geld in unbekannte Wildnis leiten zu lassen, hätte ich gern gewusst, denn dass er Yossi einfach so zufällig auf der Straße und ziemlich creepy mit "Are you american?" anspricht, kann es ja allein nicht sein - aber mehr hören wir nicht. Kevin ist dann der coole, egoistische Abenteurer und Karrierefotograf ohne jede Facette (die wird dann später als Überraschung quasi aus dem Hut gezaubert).

Und wo schon die Charakterisierung von Personen und Darstellung einer Gruppendynamik nicht wirklich funktioniert, geht es in der zweiten Hälfte des Filmes dann zwar nicht ganz, aber noch deutlich mehr den Bach runter (im wahrsten Sinne des Wortes). Nur so viel: Es gibt mehrere Wege, tiefe Verzweiflung zu zeigen. Und situationskommentierende Selbstgespräche und psychedelisch in Szene gesetzte Halluzinationen sind nicht unbedingt immer die eleganteste, mich jedenfalls hat es eigenartig kalt gelassen. (Und dass die Geschichte von Zweien der Expeditionsteilnehmer einfach so abbricht und sie schlicht nie wieder vorkommen, mag zwar, wie im Abspann erklärt, der Realität entsprechen, weil man eben nichts über ihren Verbleib weiß. Ein Film ist aber keine Doku, hier hätte ich mir ruhig ein kleines bisschen künstlerische Freiheit gewünscht - und sei es nur, dass sie zumindest nochmal erwähnt werden.) Insgesamt: Ein Film mit schönen Bildern, auch nicht so schlimm wie 1000 Feuerameisen, aber irgendwie finde ich einen Waldspaziergang dann doch erfrischender.
Lizzie
sah diesen Film im Savoy, Hamburg

12.09.2017, 23:22



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