von Fans für Fans

Raw

Wie hätten Sie's denn gern?

von Frank
Bei den Statements zu RAW drängte sich mir manchmal der Gedanke auf, der Film wurde hauptsächlich von Vegetariern gesehen. So extrem krass eklig, wie vielerorts beschrieben, ist er eigentlich nicht. Oder anders ausgedrückt: Er ist um einiges vielschichtiger als es die Handvoll besonders ekliger Szenen des Films erscheinen lassen. Die Story:

Justine beginnt ein Veterinär-Studium an derselben Uni, an der auch ihre ältere Schwester studiert, muss gleich zu Beginn die unangenehmen Einweihungsrituale über sich ergehen lassen. Von einer krassen Neigung abgesehen, ist die Uni jedoch im Wesentlichen der Platz für sie, um die Erfahrungen vieler Heranwachsender zu machen. Hier bestätigt sich die Einordnung von RAW als Coming-of-Age Movie. Drogen und Mobbing werden angerissen, Identitätssuche, sexuelles Erwachen und die damit verbundenen Ängste sind ein präsentes Thema.

Ich war beeindruckt von der intensiven, facettenreichen Performance und erotischen Ausstrahlung (inkl. animalischer Sex-Szene) von Garance Marillier (Justine), die mir bis dahin völlig unbekannt war, aber auch vom Schauspiel, der Präsenz Ella Rumpfs - ihrer Filmschwester, die ich ebenfalls noch nicht kannte.

Die unverhohlene, direkte Art der Inszenierung der Ekelszenen erinnert an den Bodyhorror des frühen David Cronenberg. RAW ist in seiner visuellen Darstellung allerdings zeitgemäß intensiver. Auch bei Cronenberg sind Ekel und Horror meist nur eine Ebene bzw. Metaphern, oft symbolisch für ein gesellschaftliches bzw. institutionelles Übel eingesetzt; und es findet sich zumindest im Setting insofern eine Parallele, als auch RAW an einer Institution, der Uni, spielt. Mitten im Nirgendwo wirkte das zunächst unwirklich auf mich und manch einer wird evtl. einwenden, dass es der "Glaubwürdigkeit" der Geschichte schadet, die Uni an einen Ort scheinbar fern von normaler Zivilisation zu platzieren. Die Paarung von teils anarchischen Strukturen oder Verhaltensweisen mit Isolation ist jedoch (nicht nur) im Genre-Kino ein passendes Sujet für Abseitiges, nicht Gesellschaftskonformes, sodass das Setting für mich durchaus Sinn macht.

Der Film wurde als provokant und skandalös bezeichnet. Gleichermaßen wird dabei jedoch der sardonische Witz übersehen; den Film durchzieht ein komödiantischer Unterton. Als offensichtliches Beispiel hierfür ist die Piss-Szene zu nennen. Sie dient nicht der reinen Provokation. Ansonsten zeigt sich der Humor in Gesten, die den Umgang mit der Situation andeuten.

Ein wichtiger Aspekt ist in dem Zusammenhang das Ende.
Ohne die Schlussszene, und den letzten Satz des Vaters an seine Tochter hätte ich RAW möglicherweise als unsinnig abgetan. Vordergründig erklärt das scheinbar gar nichts, doch letztlich erklärt es fast alles; da fällt sozusagen der Groschen, wenn nicht für jeden Zuschauer, dann zumindest für die Hauptprotagonistin Justine. Man muss sich vor Augen führen, dass da etwas war, was Justine nicht verstehen konnte, weil sie es nicht wusste.
Wenn man die Ursache für den eigenen Schmerz nicht kennt, wenn das zentrale Wissen über etwas fehlt, lässt dieses keinen Raum zur Anklage oder reinen Projektion nach außen, also muss man einen anderen Weg finden, um mit ihm umzugehen.
Und über den eigenen Schmerz zu lachen hilft mit ihm umzugehen. Der Humor hilft, Herr über uns selbst zu bleiben, uns nicht zu verlieren.

Die Musik trägt sehr zu der Spirale deliriös - rauschhafter Verlorenheit von RAW bei. Ich hätte schwören können das Garbage dabei waren. Es sind jedoch BLOOD RED SHOES, klingen fast genauso. Der hervorragende Soundtrack zählt mit zu den Besten und bestens eingesetzten des diesjährigen Jahrgangs.

Ich wünsche mir für den Film, dass er in seiner vollen Breite wahrgenommen wird und nicht nur über die kontroverse Horror- und Ekel-Ebene seiner Schauwerte. Nichtsdestotrotz war er mir in den Sex- und Ekelszenen nicht explizit genug. ;) Sonst hätte ich noch einen Punkt draufgelegt. So gibt's dicke 7,5 Punkte - beinahe 8 - von mir und das Prädikat tiefenpsychologisch wertvoll.
Frank
sah diesen Film im Savoy, Hamburg

14.09.2017, 21:56



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