von Fans für Fans

It

War ES das?

von D.S.
Als ich Stephen Kings ES 1986 las, war ich völlig überwältigt. Ich war im selben Alter wie die jugendlichen Hauptfiguren, fand mich in ihrem Erleben und ihren Ängsten wieder – und wurde genau wie sie durch die Erscheinungen eines ewigen, namenlosen Bösen bis ins Mark gegruselt. Als ich dann 1990 oder 91 die TV-Verfilmung sah, war ich schwer enttäuscht. Vom Mangel an Atmosphäre, Bedrohlichkeit und vor allem Charisma der Figuren, die wie zweidimensionale, leblose Abziehbilder der Buch-Charaktere wirkten.

Das ist lange her. Das Buch habe ich seitdem noch mehrmals gelesen, die Erstverfilmung noch einmal ertragen und das Thema ES dann irgendwann gedanklich beiseite gelegt. Wobei die Geschichte für mich immer DIE definierende für die Kraft in (Teilen von) Stephen Kings Werk blieb.

Mich verbindet also durchaus eine Vorgeschichte mit dem Thema – und in der Betrachtung der Neuverfilmung kann ich mich nicht von ihr freimachen. Die Kurzversion: die TV-Fassung wird von Muschiettis Adaption in Grund und Boden getrampelt. An die Wirkung des Buchs kommt diese jedoch nicht ansatzweise heran.

Das liegt meiner Meinung nach weniger daran, dass auf die verschachtelte Erzählweise des Romans mit seinen permanenten Zeitsprüngen verzichtet wird. Was im geschriebenen Wort gut funktioniert – bei dem der Leser ohnehin seine eigenen Fassungen der Figuren und Lokalitäten vor Augen hat, wo diese sich im Zwischenzeitraum von 27 Jahren vielleicht gar nicht mal so großartig verändert haben –, kann verfilmt zu erheblichen Schwierigkeiten im Aufbau und Erhalt von Spannung und Atmosphäre führen. Was wir bei Lawrence D. Cohens Drehbuchadaption zur ersten Hälfte von IT (1990) ja erleben konnten. Der gute Mann schrieb übrigens ebenfalls das Drehbuch zu CARRIE. Und wollte auch damals dem verschachtelten Aufbau der Romanvorlage folgen. Brian De Palma nicht.

Vielmehr liegt das daran, dass Muschiettis IT – in seinen Horror-Aspekten – genau so wirkt wie jeder verdammte andere hochbudgetierte Horrorfilm der letzten Jahre. In seiner Ästhetik glattgebügelt, in seinem Aufbau erlebnis- bzw. höhepunktgetrieben. Ja, es gibt hier einige beeindruckend düstere, unbehagliche Szenen zu sehen; nein, der Horror basiert nicht ausschließlich auf Jump-Scares. Aber doch, sie stehen klar im Vordergrund. Und kommen oft ähnlich intensiv wie bei, natürlich, MAMA herüber, erinnern aber nicht zufällig in ihrer Formelhaftigkeit auch oft an reine Mainstream-Filme wie ANNABELLE (für den Co-Autor Gary Dauberman das Drehbuch schrieb). Allerdings kann man nicht abstreiten, dass Bill Skarsgård als Pennywise-Inkarnation des Bösen erheblich furchteinflößender ist als die meisten seiner Zeit-/Genregenossen. Jedoch nicht immer. Denn auch bei ihm gilt, wie bei einigen anderen Monster-Wesen im Film: Hinsichtlich der Make-up-/Masken- und CGI-Effekte ist die Grenze zwischen Bedrohlichkeit und Lächerlichkeit hier manchmal eine schmale.

Entscheidend ist aber, dass es dem Film – allen Schocks und Gruselmomenten zum Trotz – nicht gelingt, eine kontinuierliche bedrohliche Atmosphäre aufzubauen. Hier werden eher Szenen abgehandelt, als dass ein dichtes Gesamtbild gezeichnet wird.

Diese Kritik gilt jedoch nicht für den anderen Handlungsanteil des Films. Wie ja schon von anderen mehrfach betont, überzeugt IT (2017) als Jugenddrama mit Coming-of-Age-Ansätzen auf voller Linie; man fühlt sich hier tatsächlich wie in eine aktualisierte, ernsthaftere und vielschichtigere Fassung von STAND BY ME hineinversetzt – die insbesondere aufgrund des gelungenen Castings und der großartigen Harmonie zwischen den jugendlichen Hauptdarstellern funktioniert. Zu einem großen Teil kennt man diese bereits, etwa aus Genrestoffen wie MIDNIGHT SPECIAL oder natürlich STRANGER THINGS, zusammen vor der Kamera standen sie aber meines Wissens noch nie. Hier spielen sie dennoch, als wären sie seit Jahren die engsten Freunde. Wobei sich der Film leider etwas zu stark auf das vermeintliche Traumpaar Bill und Beverly konzentriert, aber das sei ihm verziehen.

Was ich ihm allerdings nicht verzeihen kann ist die Entscheidung, auf die wichtigste Szene der gesamten Romanvorlage komplett zu verzichten. Die Szene, die den finalen Kampf des „Klubs der Verlierer“ gegen Es erst möglich gemacht hat. Die Szene, die Kindheit und Erwachsenendasein der Figuren miteinander verknüpft. Sind wir 2017 wirklich so prüde, dass Körperlichkeit bei Jugendlichen für nicht mehr als ein, zwei kleine Witzchen herhalten darf?

Wie auch immer: Für sich betrachtet, als gewöhnlicher, moderner Teenie-Horrorfilm, gehört IT (2017) zur aktuellen Spitzenklasse. Vor den genannten spezifischen Hintergründen: Sehenswert, unterhaltsam, aber weit von einem Klassiker entfernt. 7,5/10 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

15.09.2017, 04:13



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