von Fans für Fans

It Comes at Night

Monster Mensch

von D.S.
Wie man einen Film liest, was man aus ihm mitnimmt, hängt zu einem entscheidenden Teil immer auch davon ab, womit man sich selbst gedanklich abseits des Kinos beschäftigt und damit auch davon, was man unterbewusst in ihm sehen möchte. Eine triviale, nicht gerade neue Erkenntnis – aber angesichts der Diskussionen um die Aussage von IT COMES AT NIGHT vielleicht doch noch mal wert, erinnert zu werden. Denn natürlich KANN man den Film als Statement zum aktuellen globalen Rechtsruck, zur Panikmache vor Flüchtlingen und zu Abschottungstendenzen wohlhabender Staaten lesen. Das muss man aber weiß Gott nicht. Thriller und Horrorfilme mit ähnlicher Thematik gibt es nicht erst seit gestern. Das Verhalten der verbliebenen Menschen im Angesicht der Apokalypse und ihrer Folgen ist ein geradezu klassisches Sujet. Und auf Herkunft, sozialer Klasse oder Hautfarbe basierende Abgrenzungen voneinander sind ja gerade NICHT das Thema von IT COMES AT NIGHT; im Gegenteil, wie die Zusammensetzung der beiden hier vorgestellten Überlebenden-Familien deutlich macht.

Rückt man entsprechende Konnotationen zum aktuellen Zeitgeschehen einmal beiseite, erscheint der Film jedenfalls als beklemmendes, zuletzt tatsächlich schmerzhaftes Drama um viel fundamentalere menschliche Themen. Moral, Hilfsbereitschaft, vor allem aber Vertrauen. Wobei es auch um das Vertrauen des Publikums in seine eigene Einschätzung von Menschen geht, die es aufgrund selektiv präsentierter Fakten trifft. Dass diese nicht immer das zuverlässigste Urteil erlauben, eben nicht immer das ganze Bild zeigen, macht das Geschehen hier mehr als nachdrücklich deutlich. Und zwingt einen mehrfach dazu, zu überdenken, zu welchen Figuren man eigentlich wirklich halten will.

Das klingt nun vielleicht in erster Linie nach einem intellektuell fordernden, schwergängigen Soziologie-Exkurs. Was IT COMES AT NIGHT auf einer gewissen Ebene wohl auch ist. Daneben und darüber hinaus ist er aber noch etwas ganz anderes: Eines der atmosphärisch dichtesten, unheimlichsten Quasi-Kammerspiele seit Jahren. In der Intensität dem vom selben Studio produzierten THE VVITCH nicht unähnlich, aber aufgrund seiner zeitlichen Verortung noch unmittelbarer nachvollziehbar – und damit noch nahegehender, wenn auch gleichzeitig natürlich weniger außergewöhnlich wirkend.

Das ist wohl auch die größte Schwäche des Films: Sein Weltuntergangs-/Seuchenszenario ist mittlerweile einfach schon zu vertraut, als dass es einen von Beginn an komplett fesseln könnte. Da wir jedoch darüber im Unklaren gelassen werden, vor welcher Bedrohung genau sich die Überlebenden eigentlich zu schützen versuchen – sie scheint in der Luft zu liegen, insbesondere nachts akut, durch eine simple Tür allerdings schon aufhaltbar zu sein –, besteht ein gewisser Mystery-Faktor. Und dieser verstärkt sich mit fortschreitender Laufzeit exponentiell, denn der Sohn der Familie, die im Mittelpunkt der Handlung steht, hat zunehmend verstörendere Träume... die in irgendeinem Bezug zu kommenden Ereignissen zu stehen scheinen.

Spätestens mit dem Eintauchen in den ersten dieser Träume entwickelt der Film einen ungemeinen Sog, der durch den hervorragenden Score noch verstärkt wird. Ebenso wie durch das wachsende Misstrauen unserer Protagonisten gegenüber einer anderen Überlebenden-Familie, die sie bei sich aufgenommen haben. Eine unsichtbare Bedrohung, merkwürdige Geräusche und Geschehnisse, surreale Traum-Szenarien: Ab einem gewissen Punkt ist die Atmosphäre derart dicht, die Anspannung bei den Protagonisten und im Publikum so hoch, dass man die sprichwörtliche Stecknadel im Kinosaal hätte fallen hören können.

Spätestens, als sich das finster klaustrophobische Szenario in einem aggressiven Finale entlädt, kann man IT COMES AT NIGHT nicht mehr einfach wegschauen. Dieser Film ist nichts weniger als ein Brett, dessen Schlagkraft und Wucht noch lange nachwirkt. Apokalyptisch nihilistische 8 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

18.09.2017, 05:06



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