von Fans für Fans

Strange Circus

Bildgewaltig, inhaltsschwer

von D.S.
Man darf sich von der bizarr anmutenden Eröffnungssequenz und den unzähligen Täuschungsmanövern des Films nicht in die Irre führen lassen: "Strange Circus" besitzt durchaus eine klare, nachvollziehbare und in sich stimmige Handlung. Er offenbart sie nur eben auf eine sehr verklausulierte Art und Weise und lockt auf allerlei falsche Fährten, bevor er im letzten Filmdrittel dann umso deutlicher darüber aufklärt, was hier eigentlich gespielt wird.

Dabei besticht er vor allem in seiner ersten Hälfte durch eine außergewöhnlich kraftvolle und innovative Bild- und Tongestaltung. Immer wieder treten wir hier in grotesk übertonte Traumwelten ein, die in ihrer Atmosphäre mehr als einmal an bestimmte Filme bzw. Filmsequenzen David Lynchs erinnern. In der zweiten Hälfte baut "Strange Circus" da zwischendurch leider öfters mal deutlich ab: die Außenszenen wirken eher schäbig und sorgen für einen gewissen Bruch im Erzählfluß. Aber es gibt nur vergleichsweise wenige dieser Szenen, über den größten Teil des Films sind wir Innen: nämlich im Elternhaus Mitsukos, in dem sie unfaßbare Greueltaten ihrer Eltern über sich ergehen lassen mußte. Und innen drin in ihrem Kopf.

Mitsuko wird von ihrem Vater aufs Übelste mißbraucht, in gewisser Hinsicht werden hier wirklich neue Perversionslevel erreicht. Ihre Mutter duldet das alles nicht nur, sondern nimmt aktiv an der Vernichtung ihrer Tochter teil - und haßt das hilflose Mädchen dann auch noch dafür, zum Sexobjekt ihres Vaters geworden zu sein. Mitsukos Leben ist die Hölle - aber das ist erst der Anfang der Geschichte... Was folgt, sind kaum zählbare Wechsel der Erzählebene, eingeschobene Traumsequenzen und ein vorläufig nur schwer entwirrbarer Irritationsgrad hinsichtlich der Grenzen zwischen Realität und Traum bzw. Halluzination. Insbesondere, als in der Mitte des Films eine komplette Verschiebung der Narrationsperspektive eintritt, verliert man durchaus den Boden unter den Füßen und kann sich nur noch schwer im Geflecht einander widersprechender Handlungsstränge orientieren. Doch "Strange Circus" ist kein selbstverliebter Kunstfilm oder nur daran interessiert, den Betrachter vor den Kopf zu stoßen. Er bietet uns am Ende eine Auflösung alles zuvor Gesehenen, die nicht nur stimmig ist - und dabei die inhaltliche Härte des Films noch mal deutlich erhöht. Nein, außerdem läßt diese Auflösung vieles des Vorangegangenen als äußerst angemessene Darstellungsweise erscheinen, im Nachhinein schwindet ein Gutteil der Irritation und verwandelt sich in pure Intensität.

"Strange Circus" ist ein sehr rauschhaftes, ungewöhnliches Filmerlebnis, das über weite Strecken hypnotisiert und mit seiner künstlerischen Kraft nachhaltig beeindruckt. Inhaltlich ist er konsequent tabulos, was die Beschäftigung mit seinem Thema angeht, und dabei über weite Strecken auch ziemlich schmerzhaft.

Leider aber nur über weite Strecken, für mich persönlich nicht in seiner Gänze. Denn so traurig, widerwärtig und dabei ja doch realistisch seine Ausgangssituation ist: nach einiger Zeit nutzt sich der Schockeffekt des Ganzen ein Stück weit ab. Die Lage von Mitsuko wird im Laufe der Zeit ganz und gar nicht erträglicher. Allerdings wird sie ab einem gewissen Punkt, wenn überhaupt, nur noch in ihrer Intensität, nicht aber in ihrer Qualität variiert. So geht auf Dauer ein Teil der Wirkung des Geschehens ein wenig verloren.

Dies gilt jedoch nur vorübergehend, denn ab dem zentralen Wechsel der Erzählperspektive baut sich hier etwas völlig Neues auf. Etwas, das man inhaltlich etwas fragwürdiger bzw. etwas weniger glaubwürdig finden kann als das vorher Gezeigte. Unglaublich krass wirkt es aber zweifellos, die Aufdeckung des Mysteriums erzielt einen ähnlichen Effekt wie damals bei "Oldboy" (ohne dabei inhaltliche Ähnlichkeiten meinen zu wollen). Da es mir aber vor dieser Aufdeckung, nach dem Perspektivwechsel ein ganzes Stück zu lange dauert, bis das Geschehen wieder Fahrt aufnimmt; da ich die Sequenzen, die sich mit dem namengebenden "Seltsamen Zirkus" beschäftigen, eher störend fand; und da sich für mich an manchen Stellen doch Ausreizungserscheinungen hinsichtlich der Storyidee bemerkbar machten, gebe ich dem Film nur 7 Punkte.

Dennoch sollte man ihn sich unbedingt ansehen, wenn man Interesse am kraftvollsten und beeindruckendsten Mindfuck des Festivals hat - der zudem noch über eine klare Idee und Botschaft samt originärer Umsetzungsmethode verfügt.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

03.08.2006, 07:02



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