von Fans für Fans

My Friend Dahmer

My Friend the Cannibal

von D.S.
Jeffrey Dahmer war einer der berüchtigtsten Serienmörder der Geschichte. Auch als "Milwaukee Cannibal" bekannt geworden, tötete er 17 junge Männer, verging sich an den meisten ihrer Leichen und verzehrte sie teilweise. Was aber hat ihn zu diesen Taten geführt? Sein früherer Klassenkamerad John Backderf gewährt in der Graphic Novel „My Friend Dahmer“, die sich zum Bestseller entwickelt hat, Einblicke in seine Jugendjahre. In der namhaft besetzten Filmadaption werden wir nun zum Zeugen eines wohl entscheidenden Abschnitts der Entstehungsgeschichte eines Monsters gemacht.

Es gibt zahllose Filme über reale Serienmörder, die wenigsten davon sind als gelungen zu bezeichnen, noch geringer ist die Zahl derjenigen, die sich in größerem Maße den Hintergründen und der Frage widmen, was sie zu dem hat werden lassen, das sie waren. Eindeutige Antworten hat auch MY FRIEND DAHMER nicht zu bieten, aber er gibt dem Betrachter die Möglichkeit, sich an die Person und ihre Entwicklung anzunähern – indem er sie ohne künstliche Höhepunkte so darstellt, wie sie von ihrem Umfeld wahrgenommen wurde: Als zwar verschrobener Typ mit soziopathischen Tendenzen und einem außergewöhnlich großen Interesse an Männern, Alkohol und toten Tieren, aber keinesfalls als wandelnde Wahnsinns-Zeitbombe.

Dafür verfolgt er Dahmer chronologisch über die letzten Monate seiner Highschool-Zeit hinweg, in der er sich vom völligen Einzelgänger zum immerhin als Klassenclown populären Nerd entwickelte; führt uns Ausschnitte des Alltags in seiner dysfunktionalen Familie vor; lässt uns an seinen Säureexperimenten mit Tierleichen teilhaben – die von Robert Kurtzman gewohnt hochwertig ekelerregend umgesetzt worden sind. Naturgemäß fehlt es einer solchen Erzählweise mitunter an einem klar erkennbaren Spannungsbogen: Nicht alle Geschehnisse offenbaren auf den ersten Blick besondere Relevanz; nicht alle Passagen dieses kurzen Ausschnitts aus Dahmers Lebensgeschichte enthalten echte Höhepunkte.

Wer nichts oder wenig über die späteren Taten weiß, wird am Gezeigten deshalb vielleicht auch nicht das größte Interesse entwickeln können. Vieles wirkt trivial und es ist nicht immer unmittelbar zu erschließen, welchen Zweck das Zeigen einer bestimmten Szene hat. Hat man aber entsprechendes Vorwissen oder ist bereit, sich auf die langsame Entfaltung eines nie in voller Wucht gezeigten Grauens einzulassen, dann wird man hier tief in eine dunkle Wolke gezogen, die sich immer machtvoller um Dahmer herum manifestiert. Gerade die Szenen, in denen er mittels einer wahren „Epilepsie-Freakshow“ verzweifelt versucht, die Aufmerksamkeit seiner Schulkameraden zu gewinnen, wirken einigermaßen verstörend. Ross Lynch spielt Dahmer allerdings auch brillant, seine Ausstrahlung ist finster, psychotisch – doch stets nur unter der Oberfläche brodelnd.

Von mir gibt es 6,5 Punkte für diese lange nachwirkende Charakterstudie. Allen an der Materie Interessierten, die keine permanente Action oder Gewaltdarstellungen brauchen, sehr empfohlen.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

23.09.2017, 04:42



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