von Fans für Fans

Jungle

Lauter Bäume sehen. Und den Wald.

von D.S.
JUNGLE erzählt die schier unglaubliche Geschichte des jungen Israelis Yossi Ghinsberg, der 1981 drei Wochen lang im unerforschten, nicht kartographierten Dschungel Boliviens verschollen war: auf sich allein gestellt, weitgehend ohne Ausrüstung und Nahrung, ohne Orientierung. Was dabei im Trailer eher nach der Schilderung eines konfliktbeladenen Gruppenausflugs aussehen mag, entpuppt sich ab ca. der Hälfte der Laufzeit des Films als echte One-Man-Show – mit der Daniel Radcliffe nach insbesondere HORNS und IMPERIUM einmal mehr beweist, dass er Hogwarts weit hinter sich gelassen hat. Seine Leistung als im Dschungel Verirrter, der sich mit wirklich jeder Widrigkeit der wilden Natur auseinandersetzen muss und dabei ab und an auch in heftig halluzinierende Zustände verfällt, ist glatt oscarreif. Und lässt damit die weniger umwerfenden Darbietungen seiner Mitstreiter, insbesondere die eines eher klischeehaft chargierenden Thomas Kretschmann als zwielichtiger Abenteurer Karl, glücklicherweise weitgehend vergessen.

Was ich von JUNGLE nicht erwartet hatte, aber angesichts der Historie von Regisseur Greg McLean (WOLF CREEK, THE BELKO EXPERIMENT) wohl hätte erwarten können, war das Maß an Härte, mit dem einen der Film mitunter konfrontiert. Es gibt hier durchaus herb fleischige Wunden und andere unappetitliche Szenen zu sehen, bei denen das Publikum in Frankfurt mehrfach laut aufgestöhnt hat – lauter als bei allen anderen bisherigen Festivalbeiträgen. Im Klartext heißt das zum Beispiel auch: Was widerlichen Fleischkonsum angeht, ist RAW Kinderkrams gegen JUNGLE. Ließ der Trailer so nicht absehen.

Neben dem schlicht grandiosen Schauspiel von Radcliffe besticht der Film ansonsten einerseits durch seine atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die übrigens teilweise von den Spierig Brothers (UNDEAD, PREDESTINATION, JIGSAW) verantwortet wurden. Andererseits dadurch, dass er uns mit seiner Hauptfigur buchstäblich tief in den Dschungel eintauchen lässt. Uns ihn atmen lässt. Uns auf eine rauschhafte Reise in das ausweglose Immergrün einer Umgebung schickt, die dem Menschen zeigt, dass er nicht der Mittelpunkt seines Universums ist. Man fühlt sich irgendwann mit Yossi hoffnungslos verloren und mag nicht mehr an eine Rettung glauben. Auch wenn man natürlich weiß, wie die Geschichte ausgeht.

Dankenswerterweise verzichtet JUNGLE bis zum Finale weitestgehend sowohl auf Ethno-Kitsch als auch auf übertriebenen Pathos. Er präsentiert uns eine harte Geschichte ums Überleben unter widrigsten Umständen auf angemessen harte Weise – spätestens ab der Mitte des Films stets tempo- und höhepunktreich genug, um zu fesseln. Und hat mit ein paar Texttafeln unmittelbar vor dem Abspann noch einen grausigen Höhepunkt zu bieten.

Die erste Hälfte zieht sich dabei vielleicht ein wenig zu sehr; die Zeichnung der Nebenfiguren erscheint ein wenig zu eindimensional. Insgesamt jedoch ist JUNGLE ein ausnehmend kinematografisch inszeniertes, mit erstaunlichen Härten versehenes Abenteuer, das mitreißt und unbedingt auf der großen Leinwand gesehen werden muss. Gute 7 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

24.09.2017, 05:12



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