von Fans für Fans

The Villainess

Hardcore Henrietta

von D.S.
Die knapp 10-minütige Eröffnungssequenz des südkoreanischen Actioners VILLAINESS von Jung Byung-gil, dessen Vorgängerfilm CONFESSION OF MURDER als Vorlage für den diesjährigen japanischen Festivalbeitrag MEMOIRS OF A MURDERER diente, geht von Sekunde 1 an maximal in die Vollen: Aus der extremen Subjektiven der Hauptfigur Sook-he (Kim Ok-bin, THIRST) gefilmt und in ihrem levelartigen Aufbau an First-Person-Shooter mehr als nur erinnernd, wirkt sie fast so, als hätten die Macher hier HARDCORE HENRY mal zeigen wollen, was eine Harke ist. Und es gelingt ihr auch glatt, noch eine Ecke überwältigender zu sein als jener.

Selbst, als die Ego-Perspektive schließlich – auf smarte Art, mithilfe des Einsatzes eines Spiegels ganz ohne Bruch – verlassen wird, bleibt die Kamera das Beeindruckendste an diesem Film. Denn sie bleibt auch in den folgenden Minuten unglaublich bewegt, saust in allen möglichen Richtungen durch den Raum, zur Hauptfigur, von ihr weg, auf ihre Gegner zu... im Verlauf des Films sind teils atemberaubende Fahrten und Schwenks zu beobachten. Zusammen mit der Tatsache, dass über einen Großteil der Laufzeit keine Einstellung länger als ein paar Sekunden dauert, entsteht der Eindruck höchster Dynamik. Das Tempo wird zwischenzeitlich zwar natürlich auch mal gedrosselt, spätestens zu den alle paar Minuten anstehenden Kampfsequenzen aber immer wieder hochgefahren. Einen atemloseren Film gibt es beim FFF 2017 nicht zu sehen.

Wohl aber eine Menge, die besser sind. Denn Dynamik alleine macht einen Film noch lange nicht gut. Dabei ist die Story zwar um einiges stärker ausgebaut als etwa eben bei HARDCORE HENRY. Davon abgesehen, dass sie aber im Endeffekt so trivial ist, wie bei herkömmlichen Action-/Rache-Thrillern üblich, übertreibt es Jung Byung-gil bei seinem Bemühen etwas, sich von diesen abzuheben. Konkret heißt das, dass er seine Story auf mitunter anstrengend verschlungenen Pfaden erzählt. Hier wird so beständig zu verschiedenen Punkten auf der Zeitleiste vor- und zurückgesprungen, dass es manchmal etwas schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Was noch dadurch verstärkt wird, dass Sook-he in Handlungsvergangenheit und -gegenwart von zwei verschiedenen Darstellerinnen gespielt wird. Das erleichtert zwar theoretisch die zeitliche Einordnung einer Szene. Praktisch sorgt es im Schnitt- und Actiongewitter immer wieder für Momente leichter Irritation oder gar Desorientierung.

Zudem nutzt sich wie fast immer, so auch hier ein bestimmter Inhalt oder Inszenierungsstil etwas ab, wenn er bis zum Exzess verwendet wird. Irgendwann schaltet man bei der Dauer-Repetition des Action-Overkills von VILLAINESS ein wenig ab, stumpft ab, verliert die Begeisterung. Und das, obwohl tatsächlich mitunter Ruhepausen eingeschoben werden. In diesen widmet sich die Erzählung der obligatorischen Lovestory. Diese ist zwar einerseits nicht ganz so schwer erträglich zu verfolgen wie bei vielen vergleichbaren Filmen, da hier beide Protagonisten sympathisch schüchtern, natürlich und mit Selbstzweifeln versehen gezeichnet werden, statt Mr. und Mrs. Lässiger Held zu sein. Der Score, der die entsprechenden Szenen unterlegt, ist allerdings ganz konventionell übertrieben kitschig gehalten und entwertet das Geschehen dadurch zu doch nur wieder dem üblichen Schmu, der den Regeln des Mainstream-Kinos folgt.

Der Adrenalinpegel, auf dem der größte Teil des Films unterwegs ist, entzieht sich allerdings den meisten Vergleichen. Das alleine reicht zwar nicht, um das mit 129 Minuten deutlich zu lang geratene Action- und Style-Spektakel zu einem Highlight zu machen, welches sich um Verrat, Rache, ruchlose Verbrecher und eine geheime Auftragskillerschule dreht – deren schräge Set-Piece-Ideen wie die Koch- oder Theaterausbildung für künftige Mörderinnen gerne hätten ausgebaut werden dürfen. Für einen Platz im gehobenen Mittelfeld und damit 6 von 10 Punkten reicht es aber allemal.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

26.09.2017, 01:32



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