von Fans für Fans

Land of the Little People

Grimmiges Märchen

von D.S.
Am Boden eines tiefen Schachtes in einer verlassenen Fabrik am Rande der Wüstenstadt haust ein mythisches Monster. Um von ihm verschont und vor den Gefahren der Außenwelt beschützt zu werden, opfern vier Kinder ihm regelmäßig brutal getötete kleine Tiere. Doch die scheinen irgendwann nicht mehr zu genügen: Als ihnen eines Tages zwei ausgewachsene Zweibeiner ins Visier geraten, wird eine größere Falle scharfgestellt – und die Brutalität alles andere als heruntergefahren...

In Märchen wie denen der Gebrüder Grimm sind Kinder fast immer diejenigen Protagonisten, auf deren Seite der Leser gezogen werden soll. Das gilt selbst dann, wenn sie wahre Gräueltaten vollbringen, wie etwa "Hänsel und Gretel". Yaniv Bermans Spielfilmdebüt LAND OF THE LITTLE PEOPLE dagegen ist ein Märchen, das gar nicht erst versucht, seine Kinderfiguren als die "Guten" erscheinen zu lassen. Schon mit den ersten Einstellungen, die uns die Clique beim skrupellosen Töten zeigen, wird verdeutlicht: Unschuld ist hier kein denkbares Assoziationsfeld. Zumal als Erklärung für das bösartige Verhalten der Kids in dieser Sequenz und erst recht im weiteren Filmverlauf auch nicht etwa das Fehlen eines ausgebildeten Moral- oder Wertesystems als Erklärung herangezogen werden kann: Es handelt sich bei ihnen nicht um Kleinkinder, sondern vielmehr um solche kurz vor der Pubertät; und in mehreren kurzen Szenen interagieren sie mit Eltern und älteren Jugendlichen auf ganz "normale" Weise und lassen erkennen, dass sie mit dem Konzept von Gut und Böse durchaus vertraut sind. Als sie jedoch auf zwei junge Männer treffen, die vom Kriegsdienst desertiert sind und sich für ein paar Tage in dem Fabrikgebäude verstecken wollen, das der Clique als Abenteuerspielplatz-Hauptquartier (und „Monster-Kathedrale“) dient, lassen sie jede Maske fallen und offenbaren eine Grausamkeit, die sprachlos macht. Ohne echten Anlass steigern sie sich in einen Rachefeldzug gegen die beiden flüchtigen Soldaten hinein, der bald keine Grenze nach oben mehr zu kennen scheint.

Natürlich ist es naheliegend, ihr Verhalten, ihre Brutalität als Folge des Aufwachsens in einer durchmilitarisierten Gesellschaft zu lesen, die sich notgedrungen im fast permanenten Kriegszustand befindet. Dafür spricht unter anderem die durch häufiger eingestreute TV-Nachrichtenschnipsel etablierte Rahmensituation, dass sich die Armee des Landes mal wieder in einer militärischen Auseinandersetzung mit der eines Nachbarlandes befindet – bei der irgendwann die Losung ausgegeben wird, dass alle Gewalt-Limits aufgehoben sind. Ganz wie bei den Handlungen der Kinder. Deren Väter adäquaterweise auch allesamt abwesend, da an der Front sind.

Meiner Meinung nach ist LAND OF THE LITTLE PEOPLE aber durchaus auch ein Stück weit universaler zu deuten. Ganz wie bei LORD OF THE FLIES geht es in meinen Augen auch um die Frage, wie viel Gewalt im Menschen steckt und zum Vorschein kommen kann, wenn er sich nicht mehr von Zivilisation und Gesetz gebunden fühlt und sich zum uneingeschränkten Herrscher über sein Hier und Jetzt erklärt. Und ganz genau wie in eben jenem Werk gewinnt die Erörterung dieser Frage auch hier an unangenehmer Wucht, indem man sie anhand von Kinderprotagonisten durchspielt.

Wie dem auch sei: LAND OF THE LITTLE PEOPLE ist in der Entfaltung seines Dramas schonungslos und entwickelt sich darüber zu einem intensiv finsteren Kammerspiel im weiten Land im hellen Licht. Von allen Beteiligten überzeugend gespielt, liegt es schwer im Magen und zwingt zum Nachdenken. Alleine schon, da es vorgebliche Gewissheiten über Opfer und Täter, Schuld und Verantwortung schwer ins Wanken bringt. Über die erste Filmhälfte hinweg tut es das jedoch nicht unbedingt immer fesselnd genug, die Handlungsentwicklung wirkt phasenweise recht schleppend. Für mich daher nur 6,5 von 10 Punkten wert. Ich persönlich finde böse Kinder allerdings auch nicht sensationell ungewöhnlich oder gar erschreckend. Wer in dieser Hinsicht normalerweise optimistischer gestimmt ist, vergibt vermutlich eher noch einen Punkt mehr.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

01.10.2017, 01:50



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