von Fans für Fans

It Comes at Night

Atmosphäre die berstet

von Leimbacher-Mario
"It Comes at Night" hätte als Infizierten-Horror à la "28 Days Later" kaum trügerischer und enttäuschender beworben werden können. Der Trailer an sich ist genial und verdammt gruselig. Doch leider weist er in die komplett falsche Richtung und hat zwar dafür gesorgt, dass das Endzeit-Psychodrama in den Staaten gut Kasse machte (für ein überschaubares 5 Mio.-Budget), jedoch fast alle Besucher extrem enttäuscht und fast schon verärgert das Kino verließen. Denn Trey Edward Shults verstörendes Kammerspiel ist kein Horrorfilm für die Massen. Er ist ein höchst konzentrierter und aufwühlender, menschlicher Spannungsgourmethappen. Hier kommt das Grauen ausschließlich von innen, ist zutiefst human und in uns allen verwurzelt. Das macht dieses düstere Endzeit-Kammerspiel zu einem ambivalenten, persönlichen und extrem fordernden Erlebnis, inklusive etlicher offener Fragen und genug Kopfkino für die kommenden Nächte.

In enorm verdichteten 91 Minuten wird die Geschichte einer Familie erzählt, die irgendwo im Wald einsam und abgeschottet und extrem skeptisch gegenüber der Außenwelt lebt. Draußen scheint ein Virus die Menschheit lahm gelegt zu haben. Als eines Tages eine weitere Familie erscheint, tun sich neue Möglichkeiten wie Gefahren und Paranoia auf... Vertrauen und Misstrauen? Feind oder Freund? Gefahr oder Hilfe? Infiziert oder gesund? Echt oder Traum? Monster oder Mensch? "It Comes at Night" ist kein Film für zwischendurch. Technisch höchst anspruchsvoll, erzählerisch minimal, emotional eine Wucht. Wenn man ihn denn versteht und langsam aufsaugt und in sich eindringen lässt. Wie er sich auf den menschlichen, nur allzu gut nachvollziehbaren Konflikt konzentriert, ist schlicht ein Erlebnis, das mit nicht viel aus den letzten Jahren vergleichbar ist. Vielleicht am ehesten als Mischung aus "The Road" und "The Witch" zu beschreiben. Soundtrack geht unter die Haut, die Darsteller spielen minimal aber maximal effektiv, die Traumsequenzen kommen echten Alpträume unangenehm nahe. Hinzu kommt eine unterschwellige Art das Seitenverhältnis zu ändern, wie ich es noch nie erlebt habe. Insgesamt ist das Carpenter oder Romero durch die Augen von Tarkowski. Ziemlich fabelhaft. Zweitsichtung sicher und sicher lohnenswert.

Fazit: Der Horror Mensch. Extrem atmosphärisch, extrem beklemmend, extrem realistisch. Eine Wucht mit verstörendem Understatement. Da verzeiht man das Zeitlupentempo und massig offene Fragen fast vollständig. Ein Film, der in einem wächst wie ein Tumor. Oder die Angst. Oder Paranoia.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

03.10.2017, 01:38



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