Heavy Trip

Post-Symphonic-Fennopagan…?-ach, fuck it!

von Dr_Schaedel
Wieder ein Metal-Film, bei dem ich mich, wie damals bei METALHEAD, frage, warum er fürs FFF ausgewählt wurde (und andere Musikfilme wie der ungleich schrägere und komischere FRAKTUS z. B. seinerzeit nicht). Doch nur wieder wegen der Corpse-Paint-Freakshow? (Die Figur des Pasi ist allerdings wahrlich eines FFF würdig.) Oder brauchte man zwischen all dem Leid und der Düsternis der anderen Beiträge einen Crowdpleaser, der keinem wehtut und das Kino ordentlich füllt? Die Stimmung in München war ja auch wirklich bombig: Szenenapplaus, mehrfach.

Musikfilme um Bands, die sich als Kämpfer gegen allerlei Autoritäten und Widrigkeiten beweisen müssen, um ihren ganz großen Traum zu verwirklichen, sind nun nicht gerade eine neue Erscheinung. Schon die deutsche Spider Murphy Gang schob vor 35 Jahren ihren qualmenden Bandbus durch ein gleichnamiges Komödchen, das ob seiner Banalität alsbald in der Mottenkiste der Filmgeschichte verschwand.

Dass HEAVY TRIP, der Film um die fiktive Metal-Band „Impaled Rektum“, wahrscheinlich nicht das gleiche Schicksal erleiden wird, hat drei Gründe:
1.) Der Film kommt aus Finnland, diesem etwas merkwürdigen, verschrobenen Land, über das man wenig weiß, dessen Sprache man nicht versteht, der Heimat der Mumins und der Leningrad Cowboys, und dem Schauplatz der schrägsten Episode in Jim Jarmuschs NIGHT ON EARTH. Ein Herkunfts-Bonus, der vieles an kritischen Anmerkungen von vorneherein neutralisiert.
2.) Der Film spielt im Metal-Milieu, eingebettet ins dörfliche Leben der finnischen Provinz. Das ist noch unverbraucht, hat von vorneherein den Nimbus des Subversiven und bringt Schauwerte und allerlei neues Nerdwissen ein, das Außenstehenden recht kryptisch vorkommen muss.
3.) Der Film kann mit super sympathischen Hauptdarstellern und einem sehr ironischen, manchmal auch spöttischen Blickwinkel auf die Szene, ihre Größen und Fans aufwarten. Sogar ein klein bisschen Hintersinn blitzt gelegentlich auf, aber nicht viel.

Machen wir uns nichts vor: Zu 90 % handelt es sich bei HEAVY TRIP um ein Filmchen, das nicht unbedingt auf hohem Niveau unterhält, mit kleinen, netten Pointen im Wechsel mit fettem Klamauk. Klampfen, Kotze und (Rentier-) Kadaver, dazwischen eine eher brave Liebesgeschichte. Alles wirkt recht naiv, sowohl von der Inszenierung als auch vom Drehbuch her.

Aber ein paar Szenen sind durchaus sehr vergnüglich, so z. B. die Anfertigung des ersten Bandfotos oder aber auch der im Programmheft schon angekündigte Grenzübertritt nach Norwegen. Doch wie gesagt, hätte ein deutscher Regisseur dasselbe z. B. an der deutsch-österreichischen Grenze veranstaltet, hätte man ihn weniger wohlwollend bewertet als seinen finnischen Kollegen. Der namensgebende Trip selbst geht für mein Empfinden auch viel zu spät los und gerät eigentlich eher zur Nebensache. Man hätte durchaus schon etwas früher die Handbremse lösen können. Highlights wie den notgedrungenen Wechsel des Fortbewegungsmittels hätte ich gerne mehr gesehen.

Letztlich darf man bei HEAVY TRIP keine trockene, skurrile Komödie à la LENINGRAD COWBOYS GO AMERICA erwarten (gleichwohl wird diesem Vorgänger auch mal Reverenz erwiesen). Wirklich durchzudrehen traut sich der Film andererseits auch nicht. Der Fresh Blood Award dürfte im Falle des Erringens eher Sympathien als wirklich innovativen Ideen geschuldet sein. Ein bisschen bleibt doch der Stock im Rektum. Aber Spaß hat’s unterm Strich gemacht, und nicht weniger und nicht mehr erwartet man von einer Komödie.
Dr_Schaedel
sah diesen Film im Cinemaxx, München

24.09.2018, 12:52



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