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Blood Trails

Ein Horrorfilm aus Deutschland... Ich hätte es besser wissen müssen.

von Herbert.West
Dass Deutschland ein absolutes Entwicklungsland in Sachen Horrorfilm ist, dürfte niemand ernsthaft bestreiten. Mir fällt zumindest aus den letzten mindestens 20 Jahren spontan nicht ein einziges wirklich sehenswertes filmisches Beispiel ein. Es gibt den sogenannten "Independent"- bzw. Amateurfilmmarkt, dessen Exponate qualitativ oft nicht einmal mit durchschnittlichen Urlaubsvideos mithalten können, dies jedoch mit viel Himbeersaft kaschieren wollen. Auf der anderen Seite gibt es... gar nichts, höchstens mal einen halbherzigen Versuch wie "Tears of Kali". Professionelle deutsche Horrorfilme werden aus irgendeinem Grund nicht produziert.

Jedoch wollte ich "Blood Trails" im Rahmen des Fantasy Filmfest 2006 eine Chance geben, da ich trotz alledem noch die Hoffnung nicht ganz aufgegeben hatte, vielleicht diesmal wenigstens einen durchschnittlichen Genrefilm deutscher Herkunft zu sehen. Das Ergebnis empfinde ich jedoch als katastrophal und peinlich. "Blood Trails" ist mit grausigen Dialogen, dem mehr als einfältigen Plot mit jeder Menge Logikproblemen, den schrecklichen Darstellerleistungen, der weit unterdurchschnittlichen Kameraführung, dem nervigen Schnitt, dem unerträglichen Techno-Soundtrack und natürlich einer Regieleistung, für die sich selbst Uwe Boll schämen würde, eigentlich von der ersten Minute an eine Qual.

Ich finde nicht, dass sich "Blood Trails" in auch nur irgendeiner Hinsicht über dem Niveau der letzten Filme von Andreas Schnaas ("Nikos the Impaler" und "Demonium") befindet, nur dass insbesondere "Nikos" als Trashfilm doch noch über einen gewissen Unterhaltungswert verfügt - was man von "Blood Trails" in keiner Weise behaupten kann. Der Film versagt für mich sogar in dieser Hinsicht (bis auf eine ziemlich peinliche "Kammerspielszene" mit Mirácoli-Essen) und ist nur langweilig und nervig. Obwohl der Film in den Alpen spielt, bekommt der genervte Zuschauer nicht einmal eine einzige brauchbare Naturaufnahme als kleine Entschädigung zu Gesicht, da der Film fast keine Weit- bzw. Panoramaaufnahmen beinhaltet - bei den Drehorten ein Armutszeugnis. Stattdessen arbeitet Regisseur Robert Krause mit Farbfiltern, die wohl eine originelle Optik erzeugen sollen, in erster Linie jedoch vor allem die Hauptdarstellerin in sehr unvorteilhaftem Licht dastehen lassen.

Sicher gibt es viele, die sagen: "Ach, so schlecht ist der Film doch gar nicht. Es gibt viel Schlimmeres, und für deutsche Verhältnisse ist er sogar ganz gut." Ich sehe das leider anders. "Schlimmeres" habe ich zumindest in diesem Jahr noch nicht gesehen, und die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering, dass "Blood Trails" noch seinen Spitzenplatz als schlechtester Film des Jahres bei mir verlieren wird - und das, obwohl ich mir viele Schundfilme ansehe. Außerdem ist mir unbegreiflich, warum manch einer, sobald ein Genrefilm mal aus Deutschland kommt, gleich die rosarote Brille aufsetzt und seine Objektivität vollkommen ablegt. Nur weil ein Film vielleicht nicht ganz so schlimm ist wie der allerunterste Amateur-Mist (z.B. Andreas Bethmann), heißt das doch noch lange nicht, dass er in irgendeiner Hinsicht akzeptabel ist und man gleich irgendwelche astronomisch hohen Bewertungen zücken muss. Das ist wie im Deutschunterricht: Wenn man im Diktat statt der üblichen 50 diesmal nur 40 Fehler hat, kann man das Ergebnis trotzdem nicht schönreden und bekommt zurecht eine Sechs. Oder, um einen Besucher nach dem Verlassen des Kinos zu zitieren: "Da schämt man sich fast, ein Deutscher zu sein". Und das so kurz nach der WM-Euphorie.
Herbert.West

04.08.2006, 14:20



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