Jonathan

Lebende Judoka

von Leimbacher-Mario
Was wäre, wenn man sich mit seinem Zwillingsbruder (?), der charakterlich allerdings völlig verschieden ist, einen Körper und die 24 Stunden des Tages teilen müsste? Dieser spannenden Spur folgt „Jonathan“ mit Ansel Elgort als Protagonist und geht dabei sehr behutsam und dramatisch vor. Wer einen actionreichen Science-Fictioner erwartet, à la „What Happened to Monday?“ etwa, könnte enttäuscht werden. Stark gespielt, solide gefilmt und von seiner coolen Prämisse getragen, gibt es trotz ein paar Wendungen wenig Überdachungen. Eine Charakterstudie und reines, entspanntes Schauspielerkino. Nicht mehr, nicht weniger. Jede Folge „Black Mirror“ ist da spektakulärer und böser. Doch darum geht es hier kaum, „Jonathan“ ist ein liebes und gefühlvolles Drama, kein schleichender Alptraum.

Ohne wirkliche Höhepunkte plätschert das Doppelleben lange vor sich hin. Interessant aber gewöhnlich. Überrascht war ich, dass eigentlich immer nur eine Seite gezeigt wird. Ich hatte mehr Sprünge zwischen „Tag- und Nachtschicht“ erwartet. Doch im Endeffekt macht es Sinn und unterstützt unsere Identifikation mit Jonathan. Für Elgort wären beide Seiten aber natürlich noch reizender gewesen. Doch auch so trägt er den Film spielend. Den Burschen mag man. Ein wenig Boshaftigkeit und Biss hätten seiner Doppelrolle und dem kompletten Film aber sehr gutgetan. So bleibt vieles an der Oberfläche - nachvollziehbar aber manchmal nicht ausreichend für einen durchgehend packenden Film. Der Denkansatz und die Idee bleiben jedoch reizend und sehr sehr interessant. Langeweile bleibt fern. Aus der Konkurrenz, den Diskrepanzen und Unterschieden der beiden J‘s hätte man jedoch mehr machen können, fast müssen. Gegen Ende werden sogar ein paar Bomben fallen gelassen, die völlig ohne Konsequenz bleiben. Denn es geht eigentlich nur um die Liebe und Aufopferung und Connection zweier Männer, Menschen, Brüder. Simpel, realistisch und bodenständig. Das reicht sicher für ein „gut“, doch weiter nach oben geht's nie. Dafür fehlt die Ambition. Einmal gucken reicht dicke.

Fazit: Zwei Seiten einer gefühlvollen und vor allem moralisch komplizierten Medaille - Elgort, Understatement, Emotionen. Passt. Mehr drin war trotzdem, etwas fehlten Drive, Mut und Höhepunkte. Für Sci-Fi-Fans, die es auch mal ruhig mögen und eine spezielle Charakterstudie suchen, eine willkommene Abwechslung.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

21.01.2019, 01:08



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