The Witness

Und die Moral von der Geschicht'...

von D.S.
THE WITNESS ist ein sauber inszenierter Krimi mit sozialkritischem Anliegen: Handlungsseitig geht es um einen braven Versicherungssachbearbeiter, der Zeuge eines brutalen Mordes wird und sich in der Folge mit immer bedrohlicheren Einschüchterungsmaßnahmen des Killers ihm und seiner Familie gegenüber konfrontiert sieht.

Tatsächlich steht im Mittelpunkt des Films jedoch etwas anderes: nämlich die Anklage unseres egozentrierten Weltgesamtzustandes, in dem jeder sich selbst der Nächste ist. In dem man lieber wegsieht, als sich einzumischen; in dem der schöne Schein wichtiger ist als das Verschönern des Seins; in dem uns Angst vor Mitgefühl mit anderen unweigerlich auch persönlich immer tiefer in die Scheiße reitet.

Zweifellos ehrenwert. Mitunter auch zweifellos sehr effektiv in Szene gesetzt und bitter mitanzusehen, wie hier in der anonymen Hochhaussiedlung im turbokapitalistischen Korea die Nachbarn noch im unglaublichsten Moment den Kopf einziehen; alles unternehmen, um nur ja nicht involviert zu werden. Wie jeder auf sich allein gestellt ist; Empathie und gegenseitige Unterstützung längst verstorben sind, Feigheit und Eigennutz hingegen fröhliche Urstände feiern.

Es drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass Filmlogik, Glaubwürdigkeit und damit schlussendlich auch Spannung dem Vermitteln der „Botschaft“ eindeutig untergeordnet wurden. Ja, viele Menschen sind furchtbar feige. Zeigen furchtbar wenig Interesse am Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Entledigen sich furchtbar bedenkenlos jeder Verantwortung, die sie für die Gemeinschaft haben. Dies nimmt hier jedoch Ausmaße an, die irgendwann nur noch albern wirken. Ohne zu spoilern: Wenn eine Figur etwa buchstäblich nur blinzeln müsste, um die Lösung des Problems einzuleiten, aber selbst dafür zu feige ist... wird die „Suspension of Disbelief“ doch arg auf die Zerreißprobe gestellt.

Leider dreht sich auch die Handlung selbst spätestens im letzten Drittel des Films mehr um die Ausflüchte und Vermeidungsstrategien des Zeugens als um die tatsächlich vom Killer ausgehende Gefahr, und ab einem gewissen Punkt hat man sich dann einfach zu oft gegen die (imaginäre) Stirn geschlagen, um das Geschehen und seine unweigerliche, gegen Ende ins Absurde übersteigerte Eskalation noch ansatzweise ernst nehmen zu können.

Das ist schade, denn aus filmischer Sicht kann man THE WITNESS wenige Vorwürfe machen. Die Kamera fängt die emotionale Leere der übervölkerten Ansiedlung stolzer Mitteklasse-Wohnungsbesitzer im seelenlosen Hochhausblock bedrückend unterkühlt ein. Die hemmungslosen Brutalitäten des namenlosen Killers sind als unvermittelte Gewaltexplosionen sehr intensiv in Szene gesetzt. Und insbesondere im Epilog ist auch künstlerische Ambition in der Bildgestaltung unverkennbar.

Insgesamt wird hier dennoch zu wenig geboten, um den Film aus dem Krimi-Mittelmaß herauszuheben. Pädagogischer Anspruch, schön und gut. Ein wenig mehr überzeugender Thrill, ein wenig mehr radikal statt richtig hätte jedoch zu einem unterhaltsameren Ergebnis geführt. So ergibt das für mich: 6 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

07.09.2019, 02:52



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