Diner

Leckerei mit begrenztem Nährwert

von D.S.
Keine Frage, das japanische Neon-Pop-Actionspektakel DINER ist eine cineastische Delikatesse. Nahezu jede einzelne Einstellung offenbart sich als perfekte Komposition aus so intensiv wie unterkühlt bunter Farbgebung, detailverliebt opulentem Setdesign und entsprechend stylischen Kostümen sowie Make-up/Frisurendesign. So entsteht beim Zuschauer der Eindruck, Zeuge eines großen Spektakels zu sein, und zumindest auf der audiovisuellen Ebene kann da auch nicht widersprochen werden.

Inhaltlich ist dem aber nicht ganz so – DINER lässt es an Substanz vermissen. Jedenfalls, wenn es nicht gerade um die Zubereitung turmhoher Hamburger geht. Anders gesagt, die gewaltigen Schauwerte vermögen es nur phasenweise, über die schmale Story und die flache, bisweilen sogar ärgerlich eindimensionale Figurenzeichnung hinwegzutäuschen.

In Handlung wie Atmosphäre stellt der Film dabei einen nicht unbedingt naheliegenden Mix aus JOHN WICK bzw. HOTEL ARTEMIS und AMELIE dar: Stylische Action-Exzesse in einer Gangsters-only-Location, gekreuzt mit bittersüßer Weltschmerz-Melancholie einer maximal „süß“ und verletzlich geformten Hauptfigur. Bei dieser handelt es sich um die einsame und tieftraurige Kanako. Im interessant gestalteten Opening begleiten wir sie ein paar Minuten lang durch ihren unglücklichen Alltag und ihren Versuch, ihm zu entkommen – der sie jedoch nur in eine noch unschönere Situation befördert: Sie findet sich als Leibeigene eines Ex-Auftragskillers in seinem Diner wieder, das exklusiv nur anderen Auftragskillern geöffnet wird, und muss hier als Putzfrau, Küchenhilfe und Serviererin Sorge dafür tragen, dass die Wünsche der wüsten, schwerkriminellen Kundschaft bis ins Kleinste erfüllt werden, wenn sie denn überleben will.

Eigentlich war es das dann auch schon fast, was die Handlung betrifft. Natürlich gibt es da auch noch Kanakos Wachsen an der Aufgabe; einen Anflug von Verliebtheit zwischen ihr und einem „netten“ Psychopathen; einen Konflikt zwischen verschiedenen Gangstergruppen sowie ein buchstäblich explosives Finale. So weit, so erwartbar. Was DINER positiv vom Schema F abhebt, sind die Figuren der Killer, die genauso farbenfroh (sprich, exzessiv seltsam) daherkommen wie das Ambiente. Leider ist ihre Gesamtzahl arg überschaubar. Und der spannendste unter ihnen ist ein per CGI gepimpter Hund. Der rockt allerdings ziemlich.

Tatsächlich macht es bis zu einem gewissen Grad wirklich Spaß, all die schrägen Details zu entdecken, die sich im Setting verstecken und in die schiere Masse an fantasievollen visuellen Ideen einzutauchen. Dennoch beginnt DINER irgendwann, ziemlich zu nerven. Was nicht nur am Mangel an Spannung in der Handlung liegt, sondern vor allem auch am Übermaß an Exaltiertheit, mit der sich alle Charaktere in einem fort gebärden. Die selbst für japanische Verhältnisse exzessive Theatralik, das zuweilen klebrige Pathos wirken bald unangenehm aufdringlich.

Zudem ist die Figur von Kanako derart anstrengend „leidend“ gezeichnet – stets ängstlich, scheu zu Boden blickend und mit schüchternem Stimmchen piepsend erinnert sie dramatisch an einen geprügelten Hund –, dass man sie unmöglich ernstnehmen kann. Das ultimative Püppchen-Klischee; ein lebensunfähiges „Weibchen“, das natürlich eines starken Mannes bedarf, an dem es sich aufrichten kann: Puuuh.

Diese Aspekte an DINER sind schlichtweg ermüdend, und leider sind sie zu präsent, um ignoriert zu werden. Der tollen filmischen Umsetzung wegen gibt es trotzdem 6 Punkte. Empfehlen kann ich das Ganze insgesamt aber nur eingeschränkt.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

12.09.2019, 19:38



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