The Lodge

Gänsehaut-Gefrierbrand

von Leimbacher-Mario
Vor ein paar Jahren hat das vielversprechende und ungewöhnliche Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala mit „Ich seh, ich seh“ einen der besten europäischen „Horrorfilme“ des Jahrzehnts abgeliefert und sich auf Anhieb einen fetten Namen gemacht. Jetzt liefern die beiden schrulligen Österreicher mit dem eiskalten Geduldsspiel „The Lodge“ nach. Wir folgen zwei Kindern, ihrem Vater und dessen neuer Freundin in ein abgelegenes Haus am Hintern der weißen Winterlandschaft. Doch Weihnachten fällt dieses Jahr eher flach - auf Grund der gruseligen Vergangenheit der neuen Mama in spe, gegenseitigem Misstrauen und vor allem seltsamen Figurenentscheidungen, die mich eher grübeln und den Kopf schütteln haben lassen, als so richtig mit Spannung und Furcht durchzuschütteln...

„The Lodge“ wird oft als Mini-„Hereditary“ beschrieben und die Parallelen von einem Geschwisterpaar als Schlüsselfiguren über religiös-sektöse Themen bis hin zu Puppenhausspielereien sind nicht von der Hand zu weisen. Ebenfalls kommen zwischendurch Gedanken an „The Others“ auf. Doch im Endeffekt ist dieser Hüttengrausi viel mehr als bloßer Abklatsch größerer Gruselhits. Die Kälte zieht tief unter die Haut, audiovisuell dröhnt es unterschwellig gut rein, die Darsteller spielen mächtig (auch die Kids!) und einige Finten sitzen perfekt. „The Lodge“ ist ein unterkühlter Slow-Burn-Psychoplayer, der immer noch ein paar Pfeile im Köcher hat. Und für meine etwas zu hoch gesteckten Erwartungen kann er ja nichts und für unfaire Vergleiche noch viel weniger. Leider kann ich aber einige grundsätzliche Entscheidungen des Scripts und somit der Figuren nur schwer nachvollziehen, sie wirken nicht nur wenig realistisch bis dämlich, sondern allgemein arg konstruiert und zu weit getrieben. Das lenkte mich ab, nahm mir einiges an Spannung und ließ mich gegen Ende in ein Loch fallen, in dem ich kaum noch Sympathiepunkte für jedwede Seite auftreiben konnte. Doch auch ein solches Dilemma muss ein Film ja erstmal schaffen. Erst recht, wenn Kinder im Spiel sind.

Fazit: der kleine germanisch angehauchte Großcousin von „Hereditary“?! Vielleicht. Selbst wenn er gegen den in jeder Disziplin den Kürzeren zieht, ich mir wesentlich stärkeren Grusel versprochen hatte und große Probleme mit etlichen Figurenentscheidungen genauso viel Frust wie Spannung erzeugten. „Ich seh, ich seh“ fand ich deutlich besser. Dennoch: atmosphärisch dicht, stark gespielt, solide inszeniert, viele doppelte Böden und Möglichkeiten ziehen und es ist schön, mal wieder einen Film der Hammer-Studios zu sehen. Gut. Leider nicht mehr.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

13.09.2019, 01:29



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