I See You

Doppelter Dachboden

von Leimbacher-Mario
„I See You“ braucht keine echte Inhaltsangabe. Es geht um einen Polizisten und seine Familie, in deren Stadt ein Kind spurlos verschwindet und in deren Haus, neben all möglichen Vertrauensbrüchen und Streitigkeiten, mysteriöse Dinge vor sich gehen. Mehr sagt man nicht, mehr braucht man nicht. Denn „I See You“ entwickelt gerade aus der Unwissenheit und niedrigen Erwartungen einen derartigen Sog von Wendungen, von Interesse, von offenen Fragen, dass man dem Regisseur und noch mehr dem Drehbuchautor nur gratulieren kann. Und das obwohl Jungregisseur Adam Randall mit „iBoy“ (noch in Ordnung) und „Level Up“ (sehr schwach) bisher kein bisschen auf diesem Niveau abgeliefert hat. Das nenne ich mal Regie-Rebound!

„I See You“ ist ein in jeder Sekunde fesselnder Thriller über Sünden, Geheimnisse und Betrachtungswinkel, Schuld und Busse, Sichtbares und Unsichtbares, Licht und Schatten, Reichtum und Armut. Verschachtelt aber immer verständlich, komplex aber immer klar, clever aber nie hochnäsig oder arrogant oder zu verkopft. Eigentlich der perfekte Film, den Netflix aufkauft und der dann leider und völlig zu Unrecht in deren riesigen, überschwemmten Katalog untergeht. Ihn auf dem Fantasy Filmfest auf großer Leinwand und als einer der Ersten gesehen zu haben, ist dennoch eine Erfahrung, die ich nicht missen will. Eine der absolut positiven Überraschungen des Jahrgangs! Schön, Helen Hunt mal wieder zu sehen, selbst wenn ihr Gesicht unangenehm gemacht aussieht. Schön auch, dass man sich in Regisseuren noch höllisch vertun kann. Oder ist „I See You“ eine Alltagsfliege bzw. ein Glückstreffer, bei dem das geniale Drehbuch eine mittelmäßige Regie übertüncht?! Wer weiß. Ist auch erstmal egal. Denn „I See You“ ist eine perfide Rätselbox voller Spannung, Variationen und schwankenden Sympathien, dass man mit sich gespielt fühlt, ohne sich dabei benutzt vorzukommen und ohne vorgeführt worden zu sein. Selbst wenn man hier und da die filmische Logik, einige etwas überhastete Twists und Zufälle hinterfragen kann. Nochmal ansehen werde ich ihn mir mit Sicherheit und ich bin gespannt, ob er seine Brillanz, seinen Pump und seine Faszination behält.

Fazit: Furioser Fintenleger und ein top Thrillertipp. Umso weniger man weiß, desto besser. Rund, spannend, überraschend und höchst kurzweilig. Für mich nahe an einem Volltreffer. Unterhaltung vom Feinsten.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

14.09.2019, 02:54



Weitere Informationen (externe Links):