I See You

Knapp an der Genialität vorbeigeschrammt

von Alexander
Das größte Geschenk, das es für mich auf einem Fantasy Filmfest zu entdecken gibt, sind Filme, die ihr Geheimnis in so vielen, ineinander verschachtelten Erzählebenen verhüllen, dass man glaubt, den wahren Kern der Geschichte niemals ergründen zu können. Und genau so einen hingebungsvollen, faszinierenden Mystery-Thrill schenkt uns in diesem Jahr der Film „I See You“.

Ein Film, der mit einer Vielzahl von sowohl audiovisuell überraschenden Momenten, fein ausgearbeiteten Charakteren, als auch cleverem Storytelling und dem gezielten Einsatz von einem nahezu berauschend gut eingesetzten und stellenweise wirklich unheimlichen Music-Score eine Atmosphäre von so dicht ineinander verwobenen Fährten legt, dass es auch dem geübtesten Cineasten und Genrefan schwer fällt, Schritt zu halten.

All dies ist „I See You“, der vielleicht beeindruckendste Mystery-Thriller des Jahres. Wow. Es macht wirklich unendlichen Spaß, in diesem Film herauszufinden, was da eigentlich grade auf der Leinwand abgeht. Man ist nahezu zwangsweise versucht, Parallelen zu vermeintlich verwandten Geisterhaus- oder Crimethrillern zu ziehen, die letzten Endes aber alle in die Sackgasse führen sollen.

„I See You“ hält die Spannungslatte so hoch, dass man sich über die gesamte Spielzeit gefesselt im Kinosessel schwitzend fragt, was verdammt noch mal in dieser Geschichte nicht stimmen mag. Die Cleverness, wie hier eine Geschichte von hinten aufgerollt wird, sucht wirklich ihresgleichen, und der Twist, einen Film urplötzlich aus einer komplett anderen Perspektive zu erzählen und damit alles bisher Gesehene quasi auf den Kopf zu stellen, beeindruckt.

Das ist hochspannendes Kino für den Kopf und nebenbei hatte ich seit Jahren keine solche Angst mehr bei einem Film. Hier werden so ziemlich alle Knöpfe des Genrekinos zeitgleich gedrückt um den Zuschauer nachhaltig zu beeindrucken.

Als einzigen, vielleicht aber auch nicht ganz objektiven, Wermutstropfen könnte man sagen, dass der Film auf halber Strecke über seine eigene Genialität stolpert und sich durch seine verschwurbelte Erzählweise im letzten Drittel ein Stück weit selbst demontiert, wenn er sein eigentliches „Geheimnis“ offenbart und das zuvor detailreich aufgebaute Konstrukt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen läßt.

Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, auch wenn ich es schade finde, hier erneut keine 10 Sterne vergeben zu können, die ich nach den ersten 45 Minuten noch grell funkelnd glänzen sah. Trotzdem eine echte Empfehlung und ein absolutes Highlight in diesem Jahr.
Alexander
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

14.09.2019, 21:16



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