Feedback

Durchwachsenes Feedback

von D.S.
Egal, was Medienmacher, Künstler, Kreative ihr Publikum glauben machen wollen: zumindest bis zu einem gewissen Grad leben sie ALLE für das Feedback. Ganz sicher gilt das auch für den von Eddie Marsan (DEADPOOL 2 und hundert andere Filme) verkörperten Radio-Talker Jarvis Dolan, der sich mit seiner klaren Meinung zu Themen wie dem Brexit oder Donald Trump in der heutigen „post-faktischen“ Zeit eine Menge Feinde gemacht hat.

Jüngst erst wurde er zusammengeschlagen, sein Auto wurde angezündet, seine Familie bedroht. Ja, das macht ihm Sorgen – andererseits aber macht es ihn irgendwie auch stolz. Ist es doch Beleg dafür, dass er Relevanz hat. Gehört wird. Einen Eindruck hinterlässt.

Deshalb paradiert Jarvis auch mit der Aura eines Superstars herum. Verhält sich so, als hätte ihm keiner was zu sagen, schon gar nicht sein Boss, der Chef seines Senders. Jarvis fühlt sich quasi „untouchable“. Aber die Geschehnisse des heutigen Abends sollen ihm deutlich vor Augen führen, dass dem nicht so ist. Und dass die Stimme des Publikums ultimativ mehr Gewicht haben kann als die eines selbsternannten Künstlers... oder Propheten der Wahrheit.

Hmmm. Klingt ja interessant, aber tatsächlich fangen da schon die Probleme von FEEDBACK an. Denn ganz, ganz offensichtlich handelt es sich hier um eines jener Werke, denen ihre Botschaft wichtiger ist als ihre Handlung. So was muss nicht notwendigerweise in einem schlechten Film resultieren – aber wenn nicht mal klar wird, was eigentlich die Botschaft sein soll? Dann wird es schwierig.

Ohne zu spoilern: Ein Kernthema des Films ist „Me too“. Der Missbrauch einer Machtposition für Zwecke der sexuellen Befriedigung (oder auch „nur“ für Zwecke der Ego-Befriedigung) ging gerade in Großbritannien häufig Hand in Hand mit einer exponierten „künstlerischen“ Position des Täters. Insoweit fühlt sich FEEDBACK durchaus relevant an, aber: warum wird hier so viel Zeit darauf verwendet, den/die mutmaßlichen Täter zunächst als anti-reaktionäre, aufgeklärte, liberale Wortführer darzustellen? Will man die von ihm/ihnen vertretene politische Sache bewusst desavouieren? Oder, will man gar ernsthaft die Ansicht befördern, nur und ausgerechnet die Stimme der Straße („Wir sind das Volk“ und so, ihr wisst schon) sei die Stimme der unbestechlichen Wahrheit?

Zugegeben, bis zum Finale spielt der Film bis zu einem gewissen Grad mit unseren Erwartungshaltungen und dem, was wir zu wissen glauben. Nichts ist so eindeutig, wie es vorübergehend wirken mag. Dennoch, ganz kurz gesagt: das hochpolitische Bla-bla über die ersten 20 Minuten des Films hinweg hätte man sich auch einfach sparen können. Es trägt nichts zur Handlung bei, es hilft keiner story-relevanten Positionierung, es fühlt sich hier nur aufdringlich missionarisch an – und ultimativ, wie erwähnt, inhaltlich reichlich fragwürdig.

Das ist nun zwar nicht wirklich das größte Problem von FEEDBACK. Aber ein Symptom. Denn tatsächlich leidet der Film vor allem daran, dass er recht wenig zu sehr viel aufzublasen versucht. Was sich hier als Story entfaltet, kann den Zuschauer – im Angesicht der seit Jahren medial bekannt gewordenen Realität – kaum noch schockieren, weshalb die Beweggründe und das Vorgehen der maskierten Angreifer nicht vollends überzeugend wirken. Soweit ich das richtig verstanden habe, hat Regisseur Pedro C. Alonso allerdings auch über 10 Jahre gebraucht, um seine Idee auf die Leinwand zu bringen. Vielleicht hätte sie früher mehr Schockpotential, mehr Relevanz gehabt. Zu einer Zeit, in der Radiomoderatoren selbst noch mehr Relevanz hatten... heute wirkt das gesamte Set-up des Films merkwürdig aus der Zeit gefallen.

Aber sei‘s drum: extrem begrenzter Raum, zu allem fähige Angreifer, das muss doch im Gefühl albtraumhafter Beklemmung, Angst, Panik resultieren? Nicht wirklich. So richtig mag einen FEEDBACK nicht packen. Obwohl es ein paar (wenige) wirklich heftige Gewaltexzesse zu bewundern gibt, obwohl die Ausweglosigkeit der namenlos bedrohlichen Situation zumindest anfänglich effektiv in Szene gesetzt wird: auf Spielfilmlänge trägt sich das Ganze nicht. Ist die erste große Story-Offenbarung erst mal erfolgt, kommt nicht mehr viel. Vor allem nicht im Bereich Überraschung, oder auch nur Spannung.

Schade drum. Eine kraftvolle Idee, ein fantastischer Hauptdarsteller, ein interessantes Setting: All das verliert sich im Klein-Klein einer herkömmlichen Revenge-Story, die über weite Strecken einfach nur ziemlich nervt. Von den Unwahrscheinlichkeiten bzw. Logik-Schwächen der Story ganz zu schweigen: da wurde dein Top-Moderator gerade erst tätlich angegriffen, und du hast die Sicherheitsmaßnahmen einer Schülerzeitung am Start? Ok.

Viel gewollt, was auch immer das genau war, aber wenig erreicht. Das Feedback dieses Kritikers fällt deshalb bestenfalls durchwachsen aus: 4,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

15.09.2019, 02:09



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