Dachra

Die Drei von der tunesischen Tankstelle

von Leimbacher-Mario
Tunesien ist nicht gerade berühmt für eine Begabung oder einen Hang zu starker, filmischer Genreware. Doch „Dachra“ setzt an, um das zu ändern und läuft gerade gut im Festivalzirkus rund um den Globus, vertritt sein Heimatland sehr solide und war daheim auch schon ein riesiger Kinoerfolg. In dem (grob von wahren Begebenheiten inspirierten) Grusler geht es irgendwo zwischen „Blair Witch“ und „Baskin“ für drei Journalismus-Studenten für ihre Abschlussarbeit in den Wald in Richtung eines mysteriösen, womöglich kannibalistischen Dorfes...

„Dachra“ wirkt exotisch und frisch genug, trotz der oben gezogen Vergleiche. Zudem sieht er durchweg gut aus (viel negativer Raum, viel Rauch, dichte Atmosphäre, tolle Beleuchtung), hört sich klasse an (*tropf tropf*) und hat ein paar echte Gänsehautmomente drin. Erst recht, wenn im letzten Drittel Nicolas Roegs Venedig-Meisterwerk zitiert wird. Das hat man alles schon mal gesehen - mit diesen tunesischen Gewürzen und Schattierungen allerdings nicht. Und das kann sich international absolut messen. Anfangs agieren die Charaktere auch noch witzig, glaubhaft, jung, dynamisch und cool, doch mit der Zeit kann deren Naivität und Dummheit definitiv nerven. In Tunesien ist man horrorfilmtechnisch sicher nicht derart bewandert wie hier im Westen, doch diese Newbies strapazieren die Glaubhaftigkeit arg. Teilweise wird das hintenrum wieder ausgehebelt und das Ganze ist durchaus als jetzt nicht super realistische Legende anzusehen, doch in Sachen Figurenhandling gibt es definitiv Abzüge. Außerdem finde ich ihn ein paar Minuten zu lang, insgesamt zu geschwätzig und eher atmosphärisch als wirklich gruselig. Selbst wenn er hinten raus dann nochmal ordentlich zubeißt und Ernst macht. Insgesamt ist das viel viel besser, als man von Tunesien erwarten würde. So gut wie jeder deutsche Erguss dieser Art aus den letzten Jahren wird beispielsweise locker in die Tasche gesteckt. Daher bin ich froh, dass ihm auf dem Fantasy Filmfest eine Chance und ein Platz gegeben wurde. Auch ohne im dortigen Programm in der ersten Reihe zu stehen.

Fazit: Exotenbonus, hoch atmosphärisch, überraschend hochwertig und mit Versatzstücken berühmterer, besserer Filme bestückt. Der beste tunesische Horrorfilm, den ich je gesehen habe... allerdings auch der einzige. ;) Für Gruselfreunde, die gerne über den Tellerrand schauen und den ein oder andere Schönheitsfehler verzeihen.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

20.09.2019, 01:59



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