Some Time Later

Viva 3spana

von Leimbacher-Mario
Mit „Some Time Later“ (oder „Some Time After“, so ganz scheint man sich da beim Titel noch nicht entschieden zu haben) liefern die Spanier mal wieder einen bizarren und wahnsinnig schnell gesprochenen Thinker ab, irgendwo zwischen Monty Python und Ballard: In der weit entfernten Zukunft (?), das Jahr 9000nochwas wird grob genannt, ist die Gesellschaft strikt aufgeteilt in draußen und drinnen, arm und reich, arbeitslos und arbeitend, es steht nur noch ein Hochhaus und eine Revolution schickt sich an, diese fragwürdige, unfaire herrschende Ordnung anzugreifen...

Die Spanier reden immer schnell, was ihre Filme im O-Ton mit Untertiteln oft in echtes Konzentrations- und Schnelllesetraining ausarten lässt. Das ist in dieser Groteske nicht anders, sogar noch angereichert mit massiv intellektuellen Themen, komplizierten Wörtern, komplexen Zusammenhängen, weisen Zitaten und langen Sätzen. Das ist, trotz seinem Herz auf der Zunge und der gefühlten Leichtigkeit, kein Ding für zwischendurch. Was ja gut ist. „Some Time Later“ ist unterkühlt, aber auch heißblütig, clever, aber auch augenzwinkernd, fordernd, aber selten überfordernd. Er wirft viele Thesen und Topics in den Raum, tanzt auf etlichen Hochzeiten und ihm geht eine echte, interessante Story ab. Geschweige denn glaubhafte Figuren. Doch das fängt er mit ein paar der feinsten Darsteller Spaniens, seinem absurden Humor, exzellentem Setdesign und bissigen Metaphern wieder auf. „High-Rise“ trifft hier in der Tat „Brazil“ und den fliegenden Zirkus. Eher Intellektübung als Emotionskino. Von ausgepressten Zitronen und realitätsfernen Königen, vom unterdrückten Volk bis zur verwöhnten Oberschicht, von gewiegten Wirtschaftssystemen und fadenscheinigen Aufständen. Von Glück, Zufriedenheit und Liebe. Die ganz großen Themen also, heruntergebrochen in ganz kleinen, aberwitzigen Situationen. Hier kriegt vom Militär über die Kirche bis hin zur Jugend jeder sein Fett weg. Manchmal ist es zu viel des Guten, etwas hochnäsig und versnobt. Aber langweilig oder mutlos ist hier gar nichts. Hier wird sehr hoch gezielt und beileibe nicht darauf geachtet, dass jedermann mitkommt.

Fazit: Die Spanier mal wieder... Komisch-futuristischer Surrealismus vom Feinsten, irgendwo mutig zwischen Gilliam und Bunuel. Speziell und eigen, voller Kreativität und Kritik, Denkanstöße und Skurrilität. Intelligent, belesen, sicher auch ein wenig anstrengend und selbstverliebt. Rasant und chaotisch. Ein kurioses Kleinod.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

21.09.2019, 02:41



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