Shadow

Geschwätzige Grautöne

von Leimbacher-Mario
Ein neuer „Hero“ ist es nicht - um direkt mal die (durch viele Vorschusslorbeeren entstandene) Fallhöhe zu verringern. Doch auch wenn ich mir von Zhang Yimous „Shadow“ wesentlich mehr versprochen hatte, ist es kein schlechter Film. Optisch ein sprachlos machender Leckerbissen, in der Beziehung komplett genial und noch nie dagewesen. Zudem ein episch-emotionaler Score, top Darsteller und die schärfsten Regenschirme aller Zeiten. Nur wenn von 120 Minuten weit mehr als 80 % wie in einem schlechten (!) Stück Shakespeares getratscht und melodramatisch getan wird, dann stimmt die Balance irgendwie nicht ganz... Erzählt wird eine umständliche, verschwurbelte Geschichte über die Rückeroberung einer wichtigen Stadt im feudalen China, inklusive Intrigen am Hof, tödlichen Kampfduellen und vielen vielen Grautönen, Regentropfen, großen Gesten.

„Shadow“ ist schön anzusehen - das wäre die Untertreibung des Jahres. Das Ding sieht zum Teil derart fein und wunderhübsch aus, dass jeder Cineast zu sabbern beginnt. Diese gräuliche Optik, die prachtvolle Ausstattung, die Größe, der Atem, die Eigenständigkeit - all das hat schon enorm viel Anmutiges und Bewundernswertes. Wer das nicht schätzt, besitzt nicht nur keinen Sinn für Schönheit, sondern eher keine Augen. Doch das ist eben nicht alles. Mich hat die lahme Geschichte nur schwerlich bei Laune gehalten, keiner Figur konnte ich länger etwas abgewinnen und alles wirkt unterkühlt, unnötig kompliziert, theatralisch und träge. Ich habe nichts gegen ausgedehnte Dialoge - wenn sie denn witzig, clever und spannend sind, der Story zugutekommen und diese vorantreiben, Figuren zeichnen und ausmalen. Doch das hier wirkt auf mich leider arg aufgebläht, unkonzentriert und wie ein asiatischer Möchtegern-Shakespeare. Ich kam einfach nicht rein und Langeweile, Müdigkeit und Frust stiegen unnötig an. Das letzte Drittel kommt dann doch nochmal in die richtige Bahn und an den Actionszenen (wie der unfassbaren, unvergesslichen Schirm-Attacke) sieht man, dass es gegangen wäre. Was es fast noch frustrierender macht. Vielleicht fesselt das Ganze bei größerem historischem und kulturellem Hintergrundwissen mehr - doch für mich ist das eher ein edles Gemälde als ein involvierender Film. Etwas, dass ich mir zaghaft an die Wand hänge oder gar in den Safe sperre, jedoch niemals fühle, berühre, spüre. Alles bleibt fern und zu schön, um wahr zu sein.

Fazit: Audiovisuell eine Meisterleistung, an der man sich kaum satt sehen kann. Jedes Bild ein Kunstwerk. Plus die coolsten „Regenschirme“ seit langem, wahrscheinlich aller Zeiten. Aber ansonsten eine sehr zähe, anstrengende Angelegenheit. Da war mehr drin. Stirbt ein wenig in Schönheit. Außen Tophits, innen Abwrack.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

22.09.2019, 02:45



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