crazy

H6, Diary of a Serial Killer

Alltagstrott eines Killers

von GeorgeKaplan
"H6" ist beileibe nicht der erste Film, der uns die Abgründe eines Serienkillers näher bringen möchte. "Mann beißt Hund" oder "Funny Games" etwa waren gelungene Beispiele, die gerade deshalb wie ein Tritt in die Magengrube wirkten, weil sie die Emotionlosigkeit des Killers für sich sprechen ließen und völlig auf einen Erklärungsversuch für das Unerklärbare verzichteten.

An Erklärungsversuchen mangelt es in "H6" nun sicher nicht. Es ist eher zu viel des Guten. Antonio - der Killer - hält sich mit Ausführungen und Ausschweifungen über seine Taten nicht gerade zurück, sondern referiert darüber, dass er sich durch seine Taten in seiner Existenz berechtigt fühlt, als habe er sein Ich, sein Wesen, seine Bedeutung für diese Welt gefunden: Ich töte, also bin ich.

Antonio entwickelt eine Routine, die seine Morde nach einer gewissen Zeit so aussehen lassen, als wäre er ein Fließbandarbeiter mit den ewig gleichen Handgriffen: Opfer hereinbitten, etwas essen lassen, fesseln, vergewaltigen, töten. Begleitet von klassischer Musik wirkt das alles seltsam entrückt, fast schon teilnahmslos.

"H6" ist als Film ausgesprochen belanglos und verfehlt jedes Ziel, das ein solcher Film haben könnte. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Täter fehlt ihm die Tiefe, stattdessen setzt er auf Klischees, die fast schon ärgerlich sind. Für seine Opfer interessiert sich der Film ganz offensichtlich auch nicht, Mitleid kommt zumindest nicht auf. Und als derber Slasher funktioniert er nicht, da er im entscheidenen Augenblick immer wegschneidet.

Die vermutlich angemessenste Reaktion für einen solch glatten Film ohne Widerhaken wäre sehen und abhaken. Dennoch entwickelt sich "H6" zum Publikumsspalter, auch die Wertungen meiner Vorredner reichen von "Highlight" bis "Kotzbrocken". Vermutlich sieht jeder Zuschauer seinen eigenen "H6", eben weil es keine Möglichkeit gibt, den Film zu fassen.

Überrascht war ich dann auch von den Vorwürfen, die dem Film gemacht werden. Von dem Vorwurf der Gewaltpornografie möchte ich den Film freisprechen, das wäre einfach zu viel der Ehre. Pornografie lebt davon, Dinge explizit zu zeigen. Genau das tut "H6" eben nicht, wer so etwas erwartet, wird enttäuscht. Klar ist aber, dass der Film frauenverachtend ist. Mehr als das, er ist menschenverachtend. Ja, und? Erwartet etwa jemand von einem Film über einen Serienkiller, dass er politsch korrekt ist?

Am Ende habe ich mich dann gefragt, warum ich eigentlich in den Film gegangen bin. Vermutlich haben sich das viele Menschen gefragt. Auf diese Art hat der Film dann doch eine Reflexion erzeugt. Man sieht in einem Spiegel niemals den Spiegel, sondern immer sich selbst.
GeorgeKaplan
sah diesen Film im Cinedom 9, Köln

09.08.2006, 12:45



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