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Guns Akimbo

Review

von Voice
"Guns Akimbo" ist zumindest thematisch nahe am Puls der Zeit und spielt in einer Welt, in der keinerlei Trennung mehr zwischen online und offline stattfindet. Die Welt ist ein großer Augmented Reality-Spielplatz und wurde dementsprechend gamifiziert. Wenn Miles zu seinem Asthma Spray-Inhalator greift, erklingt ein Extraleben-Sound, wie man ihn aus der Super Mario-Reihe kennt. Charaktere werden mit Freeze Frame und Beschreibungstexten eingeführt und sowieso wurden zahlreiche Game-Elemente eingebaut, die den Eindruck untermauern sollen, dass "Guns Akimbo" eben die virtuelle Realität längst hinter sich gelassen hat, um eine reelle Virtualität zu erschaffen. Dazu kommt eine vielfache Dosis an Popkultur, parodischen Szenen und Split-Screens. Der Wille, eine neue Referenz zu erschaffen, ist deutlich erkennbar. Dafür zerlegt sich der Film immer wieder in meme-taugliche Sequenzen und Partikel, lässt Miles mit einem Obdachlosen palavern, als sei der Dialog wie geschaffen, um auch noch in Jahren herauf und hinunter zitiert zu werden. Untermengt von Momenten, die an "GTA" oder "Duke Nukem" erinnern. Eben alles, womit eine junge Generation begeistert werden soll. Aber nie so locker wie beabsichtigt, sondern immer so mühevoll wie sicherlich kaum gewollt.

Passend zur inhaltlichen Ausrichtung sind auch Look & Feel des Films in Videoclip-Ästhetik gehalten. Inklusive der Gewaltszenen, die gerne in übertriebenen Blutfontänen ausarten. Hauptsache nicht zu realistisch und lieber zweimal mehr als nötig. Und überhaupt: Was sich hier und da wie ein Nerdspaß anhören mag, ist so ziemlich das Gegenteil. Denn "Guns Akimbo" bauscht sich als Abrechnung mit dem überzogenen Online-Verhalten auf, das mancher Nutzer an den Tag legt, der in der Realität selbst bei einer Aufforderung lieber wegduckt. Letztlich verstummt diese Kritik aber auch mit verstreichender Laufzeit, sodass die Kritik an Voyeurismus und Gewalt vorgeschoben wirkt, zumal Jason Lei Howden sich eben an jenen Themen in ganz plakativer Weise ergötzt. Wie konsistent sollen Zuschauer es finden, wenn sie auf der einen Seite die Ultrabrutalität des Films feiern sollen, gleichzeitig aber daran erinnert werden, wie moralisch verwerflich Lust an Brutalität doch ist?

Hauptfigur Miles ist nicht unbedingt das, was einen Sympathieträger ausmacht. Er lässt im Internet die Hosen runter, ist gemeinhin das, was man als einen Troll bezeichnet. Während er online den Rambo heraushängen lässt, vereint er offline Gutmenschtum und Mobbingopfer. Einige Widersprüche finden in ihm zusammen. Einen roten Faden sucht man bei der Rollenauswahl von Daniel Radcliff ebenfalls vergebens: Es scheint, als würde er jede noch so schrullige Rolle annehmen, um sich von seinem Harry Potter-Image, das er ohnehin längst hinter sich gelassen hat, noch weiter wegkämpfen wollen. Sowohl für Radcliffe als auch Samara Weaving fallen die Rollen ziemlich undankbar aus. Zwar liefern beide ab, werden aber kaum für diese Auftritte langfristig im Gedächtnis bleiben, da die schauspielerische Herausforderung schlicht überschaubar ist. Zumal sich der Großteil der Wendungen treffsicher im Voraus ableiten lässt.

"Guns Akimbo" ist wie eine leere Leinwand, auf die allerlei Farbkleckse geschmissen werden und die anschließend als teure Kunst weiterverkauft werden soll. Entweder man gibt nicht viel auf die Willkür an Momenten und Sequenzen oder sieht darin tatsächlich die Genialität, die man sehen soll. Irgendeinen Inhalt benötigt der Film, also fiel die einfachste Variante auf ein tödliches Spiel, aber selbst dieser Anlass genügt nicht, um das berstend vollgestopfte Allerlei irgendwie noch zu rechtfertigen. Immerhin nimmt sich der Titel selbst nicht ernst, trotzdem wird es für Zuschauer über 16 Jahren mit zunehmendem Alter schwerer, Guns Akimbo abgesehen von den optischen Reizen viel abzugewinnen.
Voice - Original-Review

06.07.2020, 01:32



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