Possessor

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

von Alexander
Soviel ist bereits klar: Cronenberg jr. folgt den Fußstapfen des inspirierenden Regie-Vaters so ambitioniert und talentiert, das es eine wahre Freude für den Cineasten ist. Nach bereits wenigen Minuten denkt man sich: „Wie cool, das sieht ja aus wie ein Film von David Cronenberg“. Daddy C. dürfte stolz sein.

Nun gibt es ja bereits Filme zur Genüge, in deren Handlungsmittelpunkt die Besitzergreifung des menschlichen Geist und Körpers durch irgendwelche Kräfte steht. Das Thema des „bodysnatching“ ist eigentlich ausgelutscht wie ein alter Drops. Und auch Papa Cronenberg hat in seinem Kultfilm „Scanners“ bereits vor langer Zeit sehr eindringlich das gewaltsame Eindringen in den Geist anderer Menschen thematisiert.

„Possessor“ ist jedoch absolut kein langweiliger Neuaufguss der „Körperfresser“, sondern ein verstörender, hammerharter Cyber-Psycho-Hardcore Shit, wie man ihn schon lange nicht mehr sehen durfte, sofern man denn überhaupt schon mal sowas gesehen hat. Extrem heftig, sowohl was die psychologische Seite angeht, als auch die Kanister von Blut verspritzenden, und auf die ultrabrutale Seite zugespitzten, harten Splatterszenen betreffend. Dies ist kein Feelgood Movie.

Hier wird in alle Richtungen brutal schonungslos um sich gestochen und gemetzelt, werden nach „Cronenberg“ Art, in verstörenden Bildern Gesichter verzerrt, und mit der Kamera auf alles immer schön draufgehalten. Stellenweise kommt das Ding in seiner erbarmungslos verstörenden Art sogar an die bizarren Werke eines Brian Yuzna heran, ein Fest für Kenner des Genres und für mich ein „Instant Cult Classic“, über den noch viel gesprochen werden dürfte.

Ein echter Pluspunkt von „Possessor“ ist außerdem, das er die Intelligenz seiner Zuschauer nicht unterschätzt und sich die für Genrefilme oft so typische und generische Einleitung komplett spart, mit denen viele Filme mitunter schon ihr gesamtes erstes Drittel füllen. Alleine dafür das Cronenberg uns direkt in die Handlung „hineinschmeißt“ und uns nicht mit überflüssigen Vorgeschichten langweilt, gibt es von mir einen Bonus bei der Bewertung. Man könnte auch sagen: Der Film kommt in jeder Beziehung ziemlich schnell auf den Punkt, haut den Nagel rein, belässt es beim Elevator Pitch statt die Handlung kaputtzureden.

Dabei sind es am Ende aber gar nicht die blutverschmierten Szenen, die nachhaltig verstören, sondern vielmehr die innovative Art und Weise wie Brandon Cronenberg uns hier im Laufe der sich dramatisch zuspitzenden Geschichte die Verschmelzung von Körper und Geist, bzw. die durch diese Tortur zwangsläufig zu erwartende Überforderung von sowohl Master als auch Slave, in sehr eindringlichen Bildern darbietet. Empathische Menschen seien gewarnt, stellenweise könnte man das Bedürfnis haben sich zu übergeben und auch Alpträume dürften garantiert sein. Das Wort „Mindfuck“ bekommt in „Possessor“ jedenfalls eine völlig neue Bedeutung zugeteilt.
Alexander

11.09.2020, 13:52



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