Daniel Isn't Real

Daniel made a Maze

von D.S.
Der bei Weitem älteste Film im diesjährigen FFF-Programm – ich persönlich hatte DANIEL ISN‘T REAL etwa schon im Juli 2019 beim NIFFF in der Schweiz gesehen. Dort gab es allerdings kein Video-Intro des Regisseurs mit Dr. Mabuse. Der vermutlich coolsten Katze diesseits des Corona-Äquators. ;)

Mal abgesehen von seinem tiefschwarzen Vierbeiner, ist ebenjener Regisseur selbst, Adam Egypt Mortimer, einer der interessantesten Aspekte bei der Betrachtung dieses Werks. Sein vorheriger Langfilm nämlich, SOME KIND OF HATE (FFF 2015), ist in einer derartig anderen, niederen Qualitätsklasse unterwegs, dass man fast glauben mag, es wäre in der Zwischenzeit zu einer Art Persönlichkeitsspaltung gekommen.

Was ja wiederum gut zum Sujet des Films passt: Schließlich geht es hier um die Personifikation eines imaginären Freundes, die charakterlich sehr anders geprägt ist als ihr „Erzeuger“, und um die Frage, wie real diese ist. Ist Daniel (Patrick Schwarzenegger als zu eindimensional gezeichneter Komplett-Bösewicht) nur eine Projektion von Lukes (Miles Robbins, MY FRIEND DAHMER) unterdrückten Persönlichkeitsanteilen? Der pseudofleischgewordene Alpha zu Lukes Omega, der mit der Trennung seiner Eltern noch Jahre später nicht klar kommt und ohne die Intervention seiner verdrängten „anderen Hälfte“ niemals Anerkennung, Sex, Liebe finden würde? Oder ist Daniel vielleicht doch real; eine Art Dämon, der sich in Lukes Psyche nur ein vorübergehendes Zuhause gesucht hat?

Kein ganz neues Thema natürlich, und auch keins, das nicht schon x-mal feinfühliger, tiefgründiger, cleverer filmisch erforscht worden wäre. Trotzdem gestaltet sich DANIEL ISN‘T REAL ziemlich unterhaltsam und – zumindest über seine erste Hälfte hinweg – erstaunlich peinlichkeitsfrei, was man nun gerade im Vergleich mit SOME KIND OF HATE nicht unbedingt hätte erwarten können. Auch dort geht es schließlich um psychische Probleme, um ein Leiden der Hauptfigur(en) an der Welt und den Menschen in ihr. Im Gegensatz zu jenem nimmt man dies den Protagonisten hier aber wenigstens ein Stück weit ab und muss nicht permanent ob der Holzschnittartigkeit der Figurenzeichnungen ins Kissen beißen.

Natürlich ist Schizophrenie nicht gerade der Top-Aufhänger, wenn man einen Genrefilm produzieren will, der das einschlägige Publikum gut unterhält, aber sein Thema trotzdem mit Respekt und einigermaßen tiefgründig behandelt. Adam Egypt Mortimer hat es versucht und einen immerhin durchweg spannenden, stilistisch über weite Strecken recht interessanten Film abgeliefert – allein dafür verdient er schon mal Hochachtung.

Problematisch wird es bei DANIEL ISN‘T REAL erst irgendwann in der zweiten Hälfte. Wenn der Film schließlich auf einmal doch recht billig wirkt – in zweifacher Hinsicht: zum einen wird er plötzlich äußerst konkret in seiner Aussage, verlässt seine reizvolle Ambiguität im Hinblick auf die Frage der „Real-ness“ von Daniel. Zum anderen meint er nun aus mir unklaren Gründen, sich in einem Spektakel aus visuellen Effekten ergehen zu müssen – für die ihm ganz offensichtlich das nötige Budget fehlt. Besonders traurig wirkt eine Sequenz im Finale, in der einer der Protagonisten in einer Art Geisterschloss des Geistes unterwegs ist. Dieses allerdings erinnert im Look and Feel fatal an das Pappuniversum aus DAVE MADE A MAZE. Und degradiert so die gesamte Sequenz zu einem billigen Lach-Anlass. Aber auch diverse Face-Melt-Effekte lassen den Zuschauer eher peinlich berührt als positiv beeindruckt zurück.

Das ist schade, denn dadurch erscheint DANIEL am Ende in mancher Hinsicht doch wieder als billiger, plumper B-Film. Und damit SOME KIND OF HATE wesentlich ähnlicher, als er es eigentlich sein sollte. Vermutlich sollte man in den letzten 15 Minuten des Films also besser beide Augen zudrücken – in jeder Hinsicht. Denn im Kern ist DANIEL ISN‘T REAL ein erstaunlich eloquent inszenierter, über weite Strecken sehr spannend gestalteter Film, der sich mit Empathie einem relevanten Thema widmet. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger oder einfache Antworten, dafür mit originellen Ansichten. Und nebenbei eingestreuten, großartigen Weisheiten der Güteklasse „Life is like teaching Sanskrit to a Pony“. Ein wenig mehr Abstand zu seinem Sujet und ein wenig mehr Subtilität hätten ihm aber unbedingt gut getan. Zusammengefasst, 6,5 Punkte von mir.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

16.09.2020, 04:36



Weitere Informationen (externe Links):
Unterstütze f3a.net durch einen Kauf bei unseren Partnern:
amazon.com$ 11,99 $ 15,55


Der tatsächliche Preis kann abweichen! Preise werden max. stündlich aktualisiert. Markierte Preise sind seit dem letzten Abruf ↓ gesunken oder ↑ gestiegen.