crazy

Possessor

Kalt-blutig

von Dr_Schaedel
Ich muss gestehen: Irgendwann, sogar ziemlich bald, bin ich ausgestiegen, weil ich nichts mehr verstanden habe. Das lag möglicherweise zum einen am viel zu leisen Ton (sehr schöne Idee, den Film Open Air auf der hübschen Dachterrasse des Cinecittá zu zeigen, aber Nebengeräusche der wieder zum Leben erwachten Innenstadt Nürnbergs an diesem ersten vollwertigen Kneipenabend seit 6 Monaten, sowie fehlende Begrenzung des Raums machten dem Vorführer und damit dem Publikum das Leben schwer), zum Teil auch am Genuschel der von mir ansonsten sehr geschätzten Jennifer Jason Leigh, die vermutlich alles ausführlich in der Exposition erklärt hat, aber eben unverständlich, und sicher letztlich auch am Film – einer Art Sex & Violence-Variante des frühen Cyber-SF-Streifens PROJEKT BRAINSTORM aus dem Jahr 1983 – selbst.

Wer gibt diese akribisch vorbereiteten Morde in Auftrag? Wer finanziert dieses drecksteure Lounge-artige High-End-Labor? Ja, wer ist eigentlich der Nutznießer all dieser Gewalt? Und warum nutzt man die neue Technologie zu nichts Sinnvollerem? Das sind die Fragen, mit denen mich der Film zurückließ. Und mit so mancher Weiteren.

Zur Story kann ich hier also wenig sagen. Funktioniert sie? Keine Ahnung. Ich wusste ja teilweise nicht einmal mehr, wer wer ist, in diesem Rein-Raus-Spiel der Identitäten. Auch die anderen Reviews schweigen sich hierüber aus. Gebt es zu, Euch ging es genauso wie mir. ;-D

Bleiben: Schöne, teils atemberaubende, kühle Bilder, grandioses Setdesign, professionelle Gore-Effekte von teils schmerzhaftem Realismus, die aber zum Teil überzogen und in diesem Cyber-Thriller unangebracht wirken, und jede Menge VFX-Stakkato im Wechsel mit ziemlichen Längen.

Der Cronenbergsche Apfel landet hier verblüffend nah beim Stamm. Dass auf dem abendlichen Empfang nicht noch Jeremy Irons in der Rolle eines Dr. Mantle aus DEAD RINGERS herumsteht, grenzt an ein Wunder.

Muss man da noch erwähnen, dass es der Gewinner nicht allzu viele gibt? Nach dem Wahnsinn regiert der schale Nachgeschmack. Leider auch beim Rezensenten, der hier das Gefühl hat, dass man auf dem Weg zu Genre-Meisterwerk doch ein wenig falsch abgebogen ist. Schade. Vielleicht bringt eine zweite Sichtung dann doch noch etwas Licht ins Dunkel und damit ein wenig Befriedigung.

Ach ja, noch was zur Rolle von Sean Bean, die im Vorfeld viel Anlass zur Spekulation gab: Tja, wieder kein Oscar. ;-)

Fazit: Wo Cronenberg (jr.) draufsteht, ist auch Cronenberg (sen.) drin: In POSSESSOR treffen wir in der nächsten Generation auf eiskalte Akteure in ebensolchen Interieurs, den menschlichen Körper in allerlei Zuständen, obszön viel Blut und viel Pessimismus, der aber in erlesenen Bildern in Szene gesetzt ist. Sicher hat auch dieser Film seinen Platz im Genre schon jetzt sicher. Mir persönlich war's zu unrund, daher die etwas knauserige Bewertung.
Dr_Schaedel
sah diesen Film im Cinecitta', Nürnberg

26.09.2020, 11:01



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