Fried Barry

E.T. war auch hässlich

von Dr_Schaedel
Ich verstehe nicht ganz, warum dieser Film hier so gar nicht gut wegkommen will. Ich gehe doch nicht samstagnachts um elf zum FFF, um mich bei John Carpenters adrettem STARMAN zu langweilen, sondern will etwas erleben. Was es da zu sehen gibt, ist teils nicht schön, aber wer schöne Menschen sehen will, kann sich ja ans Hollywood-Starkino halten.

Diese kleine südafrikanische Low-Budget-Groteske mit Sci-fi-Exposition und einem gerüttelt Maß an Gesellschaftskritik war genau das Richtige für mich und sorgte zu später Stunde bei mir für gute Laune.

Wer's nicht gesehen hat, und das dürften die meisten sein, hier ein Versuch, die Story wiederzugeben:

Barry, ein alternder Junkie, dem sein White-Trash-Dasein ins Gesicht geschrieben steht (mutig verkörpert von Gary Green), wird, als er wieder einmal im Tran ist, plötzlich in den Weltraum gesogen (ganz klassisch per Traktorstrahl, natürlich), wo sich mittels allerlei unangenehmer Prozeduren eine außerirdische Entität seines Körpers bemächtigt und auf die Erde hernieder fährt. Es hilft ungemein, sich auf diesen Sachverhalt einzulassen und das Geschehen als „real“ anzusehen. Denn, was folgt, ist eine wahnwitzige Tour de Force, vor allem für dieses Wesen selbst, die nur so einen Sinn ergibt.

Der neue Barry ist nämlich plötzlich mit Dingen und Personen konfrontiert, die er/es vorher so noch nicht auf dem Schirm hatte: Die Erde zeigt sich am Beispiel des nächtlichen Kapstadt als nur bedingt gute Wahl für einen kleinen Spaziergang: Nachtvolk außer Kontrolle, Nutten, Stricher, Drogen, Schläger, Psychopathen, allerhand kaputte Existenzen und nicht zuletzt die eigene Ehefrau plus Nachwuchs fordern die kognitiven Fähigkeiten des Besuchers. Alien/Barry versucht das alles zu verstehen und – im Gegensatz zu seinem nichtsnutzigen Wirt – sogar, konstruktiv einzugreifen. Nach dem kalten POSSESSOR teilweise fast rührend, was sich da so abspielt.

Dabei tritt immer mehr die Diskrepanz zwischen diesem irdischen Fleisch und seinem mentalen Gast zutage und sorgt zuweilen für bizarre Szenen. Zum Beispiel, wenn die Damen(halb)welt in dem hässlichen Zausel den wahren Womanizer erkennt und ihn in sexuelle Abenteuer (mit zum Teil erstaunlichen Folgen) verstrickt. Oder wenn er gar Kräfte ausspielt, die fast religiöse Dimension haben. (E.T. lässt grüßen)

Und so schafft es Alien/Barry, mit wach beobachtenden Augen in einzelnen (keineswegs wahllos zusammengestöpselten) Mini-Episoden bis in die Tiefen unseres Wesens und unserer Gesellschaft vorzudringen, auch wenn es beinahe die eigene Existenz in Gefahr bringt. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Die Kamera weicht ihm dabei nicht von der Seite.

Erinnert ein wenig an UNDER THE SKIN? Ja, tut es hie und da. Aber bei weitem nicht so langatmig und mit eigenwilligem Humor.

Da ist nichts einfach nur L'art pour l'art. Jede Begegnung offenbart eine weitere Facette des fremden Wesens (so es denn existiert, aber was spricht dagegen?), und auch von uns Erdenbewohnern. Abgründe inklusive, diese dann – bleiben wir fair – aber eher menschenseitig. Wie diese Begegnungen dann jeweils ausgehen werden, hier regiert von Anfang bis Ende die Unvorhersehbarkeit, und das ist gut so.

Zuviel Schwärmerei? Nun gut, man kann auch nur den Kurzzusammenfassungen Glauben schenken, die das Ganze als undurchschaubaren Drogentrip abtun, aber das wird meiner Ansicht nach dem Film nicht gerecht. Wer sich darauf einlässt, Ekel, Lookism und Budget-Aspekte überwinden kann, dem winkt ein recht schlaues, experimentierfreudiges Filmchen, das erfreulicherweise auch mit einem runden Schluss aufwartet, der wirklich nur ein paar ganz kleine Fragen offenlässt, auch das keine Selbstverständlichkeit beim FFF. Für mich das Highlight dieses leider stark zusammen gestutzten Jahrgangs.
Dr_Schaedel

26.09.2020, 12:17



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