Fanny Lye Deliver'd

Gottverdammter Glaubenskrieg

von Leimbacher-Mario
„Fanny Lye Deliver'd“ ist ein gewalttätiger Neo-Western, puritanischer, psychologischer und religiöser Horror voller Anfeindung, Verblendung und Aggressionen, Missverständnis, fehlender Kommunikation und Unmenschlichkeit, biestiger „Überzeugungsarbeit“, sturen Predigten und perversen Praktiken. Erzählt wird von einer puritanischen Farm im England des 17. Jahrhundert, wo eine dreiköpfige, sehr streng gläubige Familie durch ein junges, sehr modern (aber nicht minder stur!) denkendes Paar auf eine harte Probe gestellt wird...

Genauso sehr Rachefantasie und Feminismusfaust wie eine starke, ambivalente Abhandlung zweier christlicher Seiten von ein und derselben Medaille – „Fanny Lye Deliver'd“ ist ein kostbares, unbestreitbar kraftvolles Kleinod. Von den famosen Darstellern über seinen Gänsehaut-Score mit massiven Spaghettiwestern-Vibes bis hin zu eruptiven Gewalt- und Erotik-Fontänen, dynamischen Kameraschwenks oder allgemein einem 16mm-Bildformat und Bildkompositionen, die zeitlos genial sind und ihresgleichen suchen müssen. Jederzeit ist sichtbar, wie viele Jahre harte, akribische Arbeit in das Projekt geflossen sind. Richtig „klick“ und Sinn gemacht bzw. zugepackt hat das widerspenstige, sehr behäbige, fast etwas schläfrige und mäandernde Fast-Kammerspiel bei mir zwar erst in der zweiten Hälfte, bis dahin war es phasenweise etwas anstrengend bis qualvoll. Doch das Warten und Reinknien lohnt sich hier ausnahmslos. Ohne Frage eine der Gourmet-Entdeckungen des diesjährigen Fantasy Filmfests.

Fazit: Audiovisuell atemberaubend, thematisch schwer, viel Subtext, Atmosphäre und Detailliebe. Zudem brachial aufopferungsvolle Darsteller und einige schockierende Härten. Ein fühlbarer Neo-Western und ein fieser Twist in Sachen Home Invasion. Dennoch: durch sein Schneckentempo, seine spezielle, fast schon „Special Interest“-Art und ein paar unnötige, unpassende Gags nicht perfekt. Aber der muss eh noch durchziehen...
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

30.09.2020, 00:45



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