The Reckoning

„Nobody expects the Spanish Inquisition!“

von Herr_Kees
Schon die erste Einstellung sorgt dafür, dass man Marshall seinen gesamten folgenden Film nicht abnimmt: Hauptdarstellerin (und Co-Autorin sowie aktuelle Flamme des Regisseurs...!) Charlotte Kirk sieht mit ihren gezupften Augenbrauen, den geschminkten Lippen und ihrem perfekt weißen Hollywood-Gebiss nicht nur aus wie Alexandra Neldel oder Veronica Ferres in einer ARD-Schmonzette, sie spielt auch so. Überhaupt sehen fast alle Darsteller mit ihren gepflegten Zähnen nicht mal aus wie Engländer, geschweige denn wie Engländer im Mittelalter. Sogar die Ratten hier sind sauber.

Leider macht es auch die Dramaturgie nicht besser, der Film ist völlig klischeehaft und bisweilen auch arg plump inszeniert, manche Szenen bewegen sich gefährlich nahe an der Grenze zum Monty Python Sketch („Confess!“), dazu gesellen sich unfreiwillig komische Traumsequenzen, die mit ihren Makeupmonstern wohl helfen sollen, den Film als Hexenhorror zu vermarkten (was irreführenderweise auch im Programmheft angedeutet wird). Das Geld hätte man mal lieber in ein paar Zahnprothesen investiert, um wenigstens einen Aspekt des Films richtig hinzubekommen.

Denn auch Exploitationfreunde kommen hier kaum auf ihre Kosten, die Folterszenen finden zumeist offscreen statt. Und so sieht unsere Heldin Charlotte Kirk auch nach allem, was sie „durchgemacht“ hat, immer noch aus wie auf einem Cover der TV Spielfilm.

Neil Marshall hat neben seinen eigenen Klassikern (DOG SOLDIERS! DOOMSDAY! THE DESCENT!) einige der besten und herausforderndsten Episoden von GAME OF THRONES inszeniert – allerdings garantiert mit einem deutlich höheren Budget als hier. Vielleicht sollte er sich auch in Zukunft auf hoch budgetiertes Premium-TV konzentrieren, anstatt mit Filmen wie HELLBOY und diesem hier über kurz oder lang den Weg anderer großer Genreregisseure wie Argento und Carpenter zu gehen.
Herr_Kees
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

27.09.2020, 23:51



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