crazy

The Boy Behind the Door

Kevin nicht allein im Haus

von D.S.
Meiner Überschrift zum Trotz ist der Debütfilm von David Charbonier und Justin Powell zu keiner Sekunde lustig, auch werden hier keine mehr oder weniger brutalen Fallen gestellt, wie es jüngst bei einem anderen Film rund um das Thema kindliche Gegenwehr gegen Erwachsenengewalt – BECKY – der Fall war. Ähnlich over the top ist THE BOY BEHIND THE DOOR aber trotzdem, wenn auch in einer ganz anderen Hinsicht: nämlich in Sachen Logikfehlern und Unglaubwürdigkeiten.

Damit sind nicht einmal mehrere haarsträubend falsche Entscheidungen unserer beiden Protagonisten, zwei von einem Menschenhändler bzw. Pädophilenbefriediger entführte kleine Jungs, gemeint: Dass Kinder in einer lebensbedrohlichen Stresssituation schwere Fehler machen und sich irrational verhalten, kann sich wohl jeder Zuschauer vorstellen und das deshalb auch ohne Bauchschmerzen schlucken. Vielmehr geht es mir um ähnlich unwahrscheinliche Entscheidungen der hier gezeigten Erwachsenen sowie um Handlungselemente, die schlicht vollkommen unmöglich wirken. Ich sage nur „Blut vom Fußboden aufwischen“.

Derartige Aspekte sind gerade bei diesem Film sehr schade, denn er behandelt ein ernstes Thema und widmet sich ihm auf eine insgesamt relativ wenig exploitative Weise. Auch wenn er natürlich ein Thriller und keine Doku ist, und darum selbstverständlich der Spannungsaufbau im Vordergrund steht, kann man ihm einen Großteil des Geschehens ab- und ihn als solches deshalb prinzipiell auch ernst nehmen. Dies wird von entsprechenden Szenen aber immer wieder sabotiert.

Apropos Spannungsaufbau: der gelingt THE BOY BEHIND THE DOOR recht gut; man fiebert durchaus mit und sorgt sich um das Schicksal der Jungs, wenn auch über zwei Drittel des Films eigentlich nur einer von beiden eine größere Rolle spielt: Bobby, der sich schon ganz am Anfang befreien konnte und nun als treuer Freund versucht, auch den hinter einer nicht zu öffnenden Tür gefangengehaltenen Kevin zu retten. Diese Freundschaft, dieser Zusammenhalt der Jungs geht durchaus ans Herz; die abgrundtiefe Verdorbenheit der gezeigten Erwachsenen dagegen an die Galle.

Während also Spannung und Involvement-Faktor stimmen, gilt dies fürs Pacing und den Handlungsverlauf nur bedingt. Häufiger hätte ich mir ein höheres Tempo gewünscht – seltener die erwähnten abstrusen Entscheidungen einiger Akteure. In diesem Zusammenhang stört auch, dass der Haupt-Antagonist im letzten Drittel des Films zu sehr dämonisiert wird. Und zwar nicht hinsichtlich der Widerwärtigkeit seines Tuns, dieses kann man kaum „dämonisch“ genug darstellen. Vielmehr hinsichtlich der Exzesshaftigkeit seines Vorgehens, die irgendwann eine „Suspension of Disbelief“ schlicht unmöglich macht.

Insofern findet THE BOY BEHIND THE DOOR nie so recht den richtigen Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltungsfilmcharakter – und schöpft sein Potential weder in der einen noch in der anderen Richtung wirklich aus. 6 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

27.10.2021, 03:00



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