crazy

Bloody Oranges

En marche vers la chute

von D.S.
Die ersten 30–40 Minuten von BLOODY ORANGES muss man erst mal durchstehen. Und das ist wirklich nicht ohne: In einer wahren Kakophonie der Unsympathie werden uns hier in einem fort lautstarke, erregte Gespräche, Diskussionen, Streitereien verschiedener Personengruppen präsentiert, deren Sinn sich zunächst genauso wenig erschließen will wie der potentielle Zusammenhang zwischen den vielen sehr verschiedenen Leuten in sehr verschiedenen Lokalitäten und Situationen.

Tatsächlich war ich irgendwann schon kurz davor, den Saal zu verlassen, denn es war für mich unglaublich anstrengend – und machte mich langsam, aber sicher aggressiv –, all den eitlen Pfauen, exaltierten Rechthabern und arroganten Besserwissern auf der Leinwand beim kontinuierlichen Absondern heißer Luft zuzusehen. In einer Art und mit einer Vehemenz, die man wohl typisch französisch nennen kann. So werden wir ganz am Anfang etwa mit der sechsköpfigen Jury eines unbedeutenden Rock-Tanz-Wettbewerbs konfrontiert, die bestimmen soll, welche Kandidaten-Paare ins Halbfinale kommen. Den wutbürgernden Redebeitrag eines der Jurymitglieder kann man als Protest der Filmemacher gegen politische Pseudokorrektheit werten, den eines anderen aber gleichzeitig als Protest gegen die nach wie vor oft offen zu Tage tretende Benachteiligung von Minderheiten. Zu diesem Zeitpunkt ist man allerdings mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits so entnervt vom hektischen, herrischen, selbstverliebten Herumzicken aller Beteiligten, dass man kaum Lust verspürt, den Widerspruch aufzuklären – oder auch nur über ihn nachzudenken.

Zum Glück blieb ich aber doch sitzen. Denn zum einen entwickelt sich aus all dem Krakeelen über alle möglichen Themen natürlich doch irgendwann ein Zusammenhang, ein Muster, eine Message – und diese lässt sich schließlich ziemlich deutlich als verbitterte Satire über, nein: als Abrechnung mit dem Zustand der westlichen Industrienationen und ihrer Bewohner, ihrer Politikerkasten, ihrer kaum existenten Solidarität mit den Schwächeren lesen. Stellvertretend bekommt hier die als korrupt desavouierte Republik Frankreich unter Macron die volle Breitseite der galligen, unversöhnlichen Kritik ab.

Zum anderen und vor allem aber wandelt sich der Tonfall des Films ungefähr in seiner Mitte aufs Extremste. Plötzlich wird nicht mehr endlos, belanglos gelabert. Wie aus dem Nichts hält stattdessen der brutale Wahnsinn Einzug, wird BLOODY ORANGES ein fiebriger Albtraum voller Blut, Gewalt und Entwürdigung, der seinesgleichen sucht. Mehr zu verraten, wäre eine Sünde, darum sage ich nur: Das sollte man selbst erleben.

Schön ebenfalls, dass im letzten Drittel des Films – wie bereits angemerkt – auch die Redeschlachten des ersten Drittels nachträglich Bedeutung erlangen und die Zusammenhänge zwischen den vorgestellten Personen klar werden, wobei sie in einigen Fällen im herzzerreißenden Drama enden. Was nur dazu beiträgt, dass sich BLOODY ORANGES in der Gesamtschau als wirklich außergewöhnliches Werk offenbart, das bis ins Mark trifft, fesselt und fasziniert. Es braucht zunächst einiges an Ausdauer – aber es lohnt sich. Unvorhergesehenes und unvorhersehbares Pflichtprogramm, 7,5 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

29.10.2021, 01:43



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