crazy

Teddy

Kurzhaardackel

von D.S.
Werwolffilme werden ja häufiger mal als Coming-of-Age-Parabeln inszeniert, und das kann zu herausragenden, sowohl auf Handlungs- wie auf Metaebene beeindruckenden Ergebnissen führen – ich sage nur GINGER SNAPS. Etwas Vergleichbares hatte wohl auch der französische TEDDY vor. Sein Problem dabei: die Hauptfigur. Die hat nämlich null Charisma und nahezu null interessante Charakterzüge. Vielmehr handelt es sich um einen nur-so-halb-cleveren Halbstarken, wie man ihn in jeder Kleinstadt dutzendfach antrifft.

Gut, im Gegensatz zur meist vorzufindenden Realität ist unser Teddy kein Bully und Ehrenvorsitzender der Dorf-Asi-Brigade, sondern ganz im Gegenteil eher Außenseiter: Als Schulabbrecher und sowohl ohne vorhandene leibliche Eltern als auch ohne jede Perspektive dient er den sozial bessergestellten Gleichaltrigen als Depp vom Dienst, und sein Job als Zeitarbeiter beim örtlichen Massagesalon ist ebenso nicht unbedingt erquickend. Eine einzige Sache gibt es, die Teddy optimistisch in die Zukunft blicken lässt: seine Beziehung mit der hübschen Rebecca, die eigentlich weit außerhalb seiner Liga spielt …

Der Gegensatz zwischen Teddy und dem Rest seines Städtchens wird schon in der Eröffnungsszene maximal effizient herausgestellt: Die örtlichen Offiziellen enthüllen eine neue Plakette zum Gedenken an die Bewohner, die im zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Deutschland gefallen sind. Teddy setzt sich ins Auto und hört bei voller Lautstärke deutschsprachige Musik. (Ob die dann ausgerechnet von den Rechtsrockern von Frei.Wild kommen muss, ist eine andere Frage …)

Irgendwie „Rebell“ und „anders sein“ eröffnet einer Figur ja immer Potential für interessante Konflikte, automatisch sympathisch macht es sie aber noch lange nicht. TEDDY tut wenig, um dazu beizutragen: Teddy nämlich tut wenig, das nicht langweilig oder sonderlich liebenswert wäre. Er wird als durchschnittlicher Proll gezeichnet, was beim Publikum für entsprechende Gleichgültigkeit über weite Strecken der Laufzeit sorgt.

Irgendwann wird Teddy im Wald gebissen. Sein Ziehvater glaubt, das war der Boogeyman. Teddy glaubt, das war ein Wolf, der derzeit die örtlichen Schafbestände minimiert. Der Arzt glaubt, das war ein Hund. Wir wissen, was es wirklich war. Das Unheil nimmt seinen Lauf – bietet uns jedoch erst im Finale wirklich Sehenswertes. Zwar gibt es auch vorher bereits Verletzungen und Verdacht, doch in seiner für das Thema viel zu unaufgeregten Erzählweise wischt der Film fast alles davon als gefühlt belanglos unter den Tisch.

Schlussendlich kann sich TEDDY nicht recht entscheiden, ob er Werwolffilm oder Sozialstudie sein will; für ein tieferes Involvement des Publikums fehlt ihm aber in jedem Fall ein Aufhänger: ein Protagonist, für den man sich interessieren, mit dem man mitleiden mag. So versandet das Ganze in einem „obskur, aber nicht weiter bewegend“: 4,5 von 10 Punkten. Nicht jeder Außenseiter ist Carrie, nicht jeder Dummbatz verdient Empathie.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

31.10.2021, 03:21



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