crazy

Bloody Oranges

Orangensaft mit Schuss

von Leimbacher-Mario
„Bloody Oranges“ lief dieses Jahr exklusiv nur in fünf der sieben Städte des Fantasy Filmfests, kommt frisch aus Cannes und ist ein urkomischer wie bitterböser gesellschaftspolitischer Angriff in Rein- sowie Filmkultur. Nah am Skandalfilm. Ganz klar ein Spalter. Ein Schocker. „In The Loop“ trifft „Frontiers“. Ein Bömbchen. Ein Biest. Ein Brett. Jeder kriegt sein Fett weg, keiner ist sicher. Ein Sammelsurium der Beobachtungen, Ideen und Wortsalven. Untertitelstakkato. Ein Favorit von mir dieses Jahr. Bleibt sicher ein absoluter Geheimtipp. Und Geschmacksache. Es geht quer durch die gesellschaftlichen Schichten Frankreichs und das sonst so stolze Land samt momentaner Spaltung und Stimmung wird quasi seziert wie grunzendes Schwein auf dem Operationstisch. Vom verschuldeten Ehepaar in einer Rock&Roll-Tanz-Competition bis zum scheinheiligen Politiker, vom ekligen Taxifahrer bis zum pubertierenden Mädchen mit gegensätzlichen ersten sexuellen Erfahrungen…

„Oranges Sanguines“ legt los wie die Feuerwehr. Sprachlich. Thematisch. Mutig. Selbst wenn von den Mündern über die Untertitel bis in unsere Augen und Köpfe sicher einige Details und Boshaftigkeiten verloren gehen - das reichte schon, um mich Kringeln und Lachen, Schütteln und Verschlucken, Staunen und Raunen, Leiden und Neiden zu lassen. Das würde ich nur zu gerne mal ähnlich auch nur ansatzweise aus Deutschland sehen. Könnten wir aber kaum weiter von entfernt sein. Frankreich hat die Künstler, die Provokateure, das Augenzwinkern und die Eier. Oder Letzteres auch nicht (mehr). Zuschauer wissen, was ich meine. Ein Anti-„Tatsächlich… Liebe“. Schmerzhaft und schamlos. Traurig und akut. „Bloody Oranges“ erzählt kaum echte Geschichten, echte Verbindungen zu den nicht wenigen Figuren entstehen nicht, alles ist schon comichaft überhöht, richtig unschuldig ist hier kaum jemand. Aber der prickelnde, spuckende und fluchende Gesamtcocktail schmeckt mir einfach köstlich. Eine Collage der Eitelkeiten und Dringlichkeiten.

Fazit: Frech, frivol, französisch, fies - eine der feinsten Gesellschaftssatiren der letzten Jahre. Unangenehm, köstlich und grenzgenial. Diese „Blutorangen“ zaubern ein skandalös-kultiges Gallengetränk, das hierzulande leider kreativ wie muttechnisch momentan nicht ansatzweise denkbar ist.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

02.11.2021, 00:34



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