Silent Night

To all a good Night

von D.S.
Da der allergrößte Teil dieses ungewöhnlichen Weltuntergangsfilms aus (oft gereizten) Dialogen von verschiedenen, recht divers gezeichneten Mitgliedern der britischen Middle und Upper Class besteht, die sich zu einer letzten gemeinsamen Weihnachtsfeier im Kreise von Freunden und Familie in einer äußerst großzügigen Villa auf dem Land versammelt haben, ist es für den Filmgenuss des individuellen Zuschauers entscheidend, ob er mit dem handelnden Personal etwas anfangen kann. Ich konnte das leider nicht – ich empfand sämtliche Figuren als sehr unsympathisch, von den anstrengenden Kindern über die tratschenden Frauen bis zu den selbstbezogenen Männern. So gingen mir ihre ausufernden Unterhaltungen, die sich zumindest in der ersten Filmhälfte fast nur um Trivialitäten drehen, ziemlich schnell auf die Nerven – zwar lange nicht so extrem wie bei BLOODY ORANGES, aber dort war das ja Konzept, hier nur ermüdend. Und so war mir das Schicksal sämtlicher Protagonisten am Ende auch ziemlich gleichgültig.

Hinzu kommt selbstverständlich, dass hier fast von Anfang an klar ist, worauf das Geschehen hinauslaufen wird. Die Apokalypse kommt nicht als Überraschung über Figuren oder Zuschauer; sie dient also auch nicht als plötzliche Wendung, die zuvor Gesehenes und Gehörtes in einen neuen Kontext rückt und es einen nachträglich anders bewerten lässt. Das meiste bleibt einfach Nichtigkeit. Und das Wissen darum, dass solche Nichtigkeit vielleicht in Wirklichkeit nur verzweifeltes Festklammern an einer Illusion von Normalität im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ist, macht es nicht spannender, bedeutsamer, emotional wirksamer.

Natürlich, die erstklassigen Darsteller spielen ihre Charaktere sehr glaubwürdig und gefühlt authentisch. Und natürlich, je näher das unausweichliche Ende des Films kommt, desto mehr beginnt man dann fast ebenso unausweichlich doch, sich in sie hineinzuversetzen und ihre Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung mitzufühlen. Daran ist insbesondere der Score nicht unschuldig, der im letzten Drittel echte Tragödien-Tiefen ausschöpft und für bittersüße Gefühle sorgt. Ganz konsequent ist SILENT NIGHT, der übrigens nur sehr geringe Weihnachts-Vibes ausstrahlt, aber selbst hier nicht und unterbricht die sich endlich entfaltende Klos-im-Hals-Stimmung durch überflüssig „lustige“, deplatzierte Szenen.

Was ohnehin ein Kernproblem des Films ist: Er kann sich nicht so recht entscheiden, ob er statt Drama nicht doch lieber Komödie sein möchte und lädt durch entsprechende „Witzigkeiten“ – wie etwa ein vom ganzen Ensemble (mit-) gesungenes Weihnachtslied von Michael Bublé – öfter mal zum Stirnrunzeln oder gleich zum Fremdschämen ein.

Zusammengefasst ist SILENT NIGHT eine Kreuzung aus MELANCHOLIA und PETER‘S FRIENDS, die zufällig an Weihnachten spielt, ziemlich geschwätzig ist und nicht immer den richtigen Ton trifft. Toll gespielt und mit ein paar interessanten bis bissigen sozio-politischen Insights versehen ist der Film fraglos, und wer mit den Figuren warm wird, kann sich hier unter Umständen doch sehr gepackt und schließlich auch emotional stark mitgenommen fühlen. Das war bei mir leider nur bedingt der Fall: Knappe 6 von 10 Punkten, wobei die vollkommen vorhersehbare letzte Einstellung meine Wertung noch ein Stück nach unten gezogen hat.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

02.11.2021, 00:43



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