Freaks Out

Mad Circus

von D.S.
Eine Ballade von ein wenig Liebe, viel Freundschaft und noch mehr Tod: Mit FREAKS OUT ist JEEG ROBOT-Regisseur Gabriele Mainetti eine einzigartige Kreuzung aus Álex da la Iglesia, Guillermo del Toro und den X-MEN gelungen – und damit das Kunststück, ein durch und durch europäisches Stück echten Fantasy-Kinos zu erschaffen, das die große Leinwand vollumfänglich verdient hat. Neben der so überdreht farbenfrohen wie actionreichen Handlung und der emotionalen Vielschichtigkeit der Erzählung überraschen dabei insbesondere das hochwertige Production Design und die aufwendigen Effekte: Vom eher trist-grau-günstigen Vorgängerfilm des Regisseurs bis hierher ist ein wirklich weiter Weg zurückgelegt worden.

Angesiedelt ist die Story im vom Deutschen Reich besetzten Italien im späten 1943; im Mittelpunkt stehen vier „Freaks“ aus einem kleinen Wanderzirkus, der zu Beginn des Films im alliierten Bombardement der Zerstörung anheimfällt. Während der Zirkusdirektor Israel in die Fänge der Faschisten gerät und ins KZ deportiert werden soll, macht sich ein Quartett seiner wundersam mutierten Künstler:innen auf die verzweifelte Suche nach ihm – und/oder nach Möglichkeiten des Überlebens in einer von „Herrenmenschen“ bestimmten Kriegsgesellschaft. Wolfmann Fluvio (Claudio Santamaria, der Hauptdarsteller aus JEEG ROBOT), Insektenbeherrscher Cencio und Magnetzwerg Mario suchen ihr Heil im Nazi-Etablissement „Zirkus Berlin“ unter der Leitung des psychopathischen, mit sechsfingrigen Händen fantastische Klavierkonzerte gebenden SS-Mannes Franz (Franz Rogowski), während die elektrisch aufgeladene Matilde an der Seite antifaschistischer Partisanen gegen Besatzer und Schwarzhemden kämpft. Die Aufspaltung unserer Held:innen ist jedoch nicht von langer Dauer: Franz erhascht in einer seiner durch Ätherkonsum herbeigeführten Zukunftsvisionen einen Blick auf die sagenhaften Fähigkeiten der Mutanten und will sie nutzen, um sich in der NSDAP und speziell beim „Führer“ wieder ein besseres Standing zu verschaffen, ist er doch als selbst „Abnormaler“ beim Etablissement ein wenig in Ungnade gefallen. Alsbald finden sich die vier gemeinsam in Gefangenschaft – doch dort wollen sie nicht verbleiben …

FREAKS OUT präsentiert sich als ziemlich einzigartige Mischung aus Kriegsfilm mit realistischen historischen Handlungsaspekten (wie etwa der Judendeportation), Superhelden-/Mutanten-Action und Außenseiterdrama, das mit überbordender Fantasie, tollen Darsteller:innenleistungen und mitunter atemberaubenden visuellen Effekten echte Kino-Magie entwickelt. Zwar weckt die offensiv betriebene Popartisierung von NS-Ikonographie zwiespältige Gefühle und es lässt sich auch ein gewisses trashiges, comicartiges Flair nicht leugnen, das angesichts des bitteren realen Rahmens der Erzählung nicht immer angemessen wirkt. Auf filmischer Ebene macht Mainetti hingegen so viel richtig, lässt sich viel Zeit für eine einfühlsame Geschichte und gibt Raum für Charaktere, die weder gewöhnlich noch eindimensional „bizarr“ erscheinen, dass man als Liebhaber von epischem Erzählkino mit Spektakelfaktor und spürbarem Herz kaum anders kann, als hingerissen zu sein.

Ein Film mit einer wirklichen und originellen Vision – eigenständig, fesselnd, begeisternd. In der obersten Liga des aktuellen internationalen Fantasy-Kinos, und sowieso des FFFs 2022. 8 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

24.09.2022, 04:42



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