Sick of Myself

Ich ich ich

von D.S.
Es gibt wohl nur wenig Schlimmeres, gleichzeitig Bemitleidenswerteres als Menschen, die immer im Mittelpunkt stehen wollen. Die der Welt zu verstehen geben, dass nur sie selbst ein Recht auf Aufmerksamkeit haben und sich alles um ihre Befindlichkeiten drehen muss. Solche Leute haben wir vermutlich sämtlichst spätestens im Zuge der Coronapandemie zur Genüge kennen- und hassenlernen können, aber der norwegische Festivalbeitrag SICK OF MYSELF setzt noch einen drauf und präsentiert uns die Selbstsucht gleich im infernalischen Doppelpack – bestehend aus dem Möchtegern-Objektkünstler Thomas und seiner Lebensgefährtin Signe, die in einem Café arbeitet und offenbar auch sonst nichts Aufsehenerregendes zum Leben ihres sozialen Umfelds beizutragen hat. Was sie allerdings absolut nicht ertragen kann und weshalb sie permanent nach Möglichkeiten sucht, sich in den Vordergrund zu spielen, wobei dreiste Lügen ihr geringstes Problem darstellen.

Thomas ist nicht unbedingt besser, tatsächlich versuchen beide regelmäßig, den anderen vor den gemeinsamen Freunden klein- und sich selbst möglichst großzumachen. Signe geht allerdings ein paar gewaltige Schritte weiter, als Thomas durch seine „Kunst“ eines Tages wirklich ein gewisses öffentliches Interesse zu erwecken beginnt: Sie inszeniert sich als schockierend schwer erkrankt und so mitleids- wie wahrnehmungsbedürftig – und schreckt dabei auch nicht davor zurück, sich echtes, barbarisches Leid zuzufügen. Alles für die 15 Minuten Ruhm … und sei es ein dauerhaft monströs deformiertes Gesicht.

SICK OF MYSELF ist eine Groteske höchster Güte, die sowohl in ihrer Thematik als auch in ihrer Darbietung nonchalant schmerzhaft unterwegs ist. Die Verfasstheit von Signe, die hier im Mittelpunkt steht, ist ein wirkliches, wachsendes Problem heutiger Gesellschaften, das nicht leicht zu behandeln oder auch nur zu besprechen ist – Regisseur und Drehbuchautor Kristoffer Borgli geht es in seinem Spielfilmdebüt an, und was er dabei an Subtilität missen lässt, macht er durch Furchtlosigkeit und Konsequenz mehr als wett. Aber nicht nur sein Sujet hat dramatische Tiefe, auch die Furchen in Signes Gesicht haben sie, nachdem sie in vollem Bewusstsein der zu erwartenden Folgen massive Dosen eines illegalen Medikaments eingenommen hat: Es tut fast körperlich weh, mitanzusehen, wie sich die unscheinbare, aufmerksamkeitssüchtige junge Frau selbst verschandelt.

Abseits der degenerativen Entwicklung von Signes körperlicher Hülle und sämtlichen damit zusammenhängenden Absurditäten des Handlungsverlaufs unterhält der Film aber auch auf eine andere bösartige Weise: Regelmäßig bekommen wir Storysequenzen zu sehen, die sich im Nachhinein als bloße Fiktion erweisen, als Wunschvorstellungen von Signes krankem Geist – und diese sind meist nicht gleich als solche zu erkennen. Borgli treibt das unzuverlässige Erzählen hier mitunter meisterhaft auf die Spitze und man ertappt sich bald dabei, dass man nichts von dem, was man sieht, noch glaubt. Vielleicht eine richtige Reaktion auf eine Welt, in der Wahrheit nicht mehr etwas ist, das es objektiv gibt, sondern nur noch etwas, das von Erzählenden gemacht wird. Oder zu machen versucht wird.

Gegen Ende verliert sich die Geschichte leider ein wenig im Ungefähren, führt zu keinem deutlich definierten Ende hin und verliert in ihrer Aussage dadurch etwas an Schlagkraft. Auch hätten einzelne Handlungsepisoden – wie etwa der Dreh eines Werbespots – eine Straffung vertragen. Im Gesamten jedoch ist SICK OF MYSELF ein hinterhältiges, hintergründiges Festival-Highlight – tut weh und macht böse Spaß. 7,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

24.09.2022, 05:46



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