crazy

Raven’s Hollow

Die Abenteuer des jungen Edgar Allan Poe

von D.S.
RAVEN’S HOLLOW ist ein zumindest visuell recht ansprechender, altmodischer Gruselfilm, der leicht an SLEEPY HOLLOW erinnert und in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts in Neuengland angesiedelt ist – in jener Zeit und Gegend, in der Edgar Allan Poe kurz nach dem Erscheinen seines ersten Gedichtbandes seinen Dienst in der US Army begann (bevor er dann in die Südstaaten verlegt wurde). Und so lernen wir den später so einflussreich werdenden Schriftsteller hier als einen von fünf Kadetten kennen, die bei einer Ausbildungs-Tour zu Pferd auf einen übel zugerichteten Mann stoßen, der wie eine menschliche Vogelscheuche an eine Art Folterinstrument gefesselt worden ist. Kurz, bevor er verstirbt, haucht er Poe auf die Frage nach dem Verantwortlichen noch das Wort „Raven“ ins Ohr. Auf Betreiben des jungen Edgar macht sich der Trupp an die Aufklärung des Todesfalls und nimmt dabei den nächstgelegenen, weitgehend verlassenen Ort ins Visier, da dieser nämlich „Raven’s Hollow“ heißt. Dessen Bewohner geben sich alles andere als freundlich und wollen die Fremden möglichst schnell wieder davonreiten sehen – doch zu ihrem Missfallen (und dem seiner Kameraden) zeigt sich Poe nicht bereit, die Ermittlungen vorzeitig abzubrechen. Schon bald wird ihm aber klar, dass etwas Übersinnliches den Ort im Griff hat …

Vermutlich hätte die Geschichte auch ohne die Einbindung einer fiktionalisierten Version von Poe genauso gut funktioniert, vielleicht sogar besser. Denn eine der größten Schwächen des Films ist die Besetzung und/oder Zeichnung der Hauptfigur. Diesem so adretten wie kernigen, anpackenden wie vernunftgläubigen jungen Soldaten nimmt man es schlicht nicht ab, dass sich aus ihm ein in den Sphären von Wahn und Schrecken fischender, geistig zerbrechlicher und lyrisch beseelter Schriftsteller entwickeln wird. Jene Momente, in denen er Monologe im Stile Poes vorträgt (die auch mit Originalzitaten aus Poe-Texten versehen sind), fühlen sich deshalb auch extrem nach „breaking character“, einem aus der Rolle fallen an. Aber auch die anderen Darsteller hinterlassen kaum bleibenden Eindruck, am ehesten noch kann Kate Dickie (die Queen aus THE GREEN KNIGHT) als Mutter Ingram überzeugen, die ihre Feindseligkeit Poe & Co. gegenüber souverän unter der Oberfläche brodelnd zur Schau trägt.

Ein weiteres Problem des Films sind seine bestenfalls mäßigen Effekte sowie das alles andere als überzeugende Creature Design, das mich persönlich zum Lachen brachte. Auf der Habenseite können hingegen eine angenehm düstere, hoffnungslose Atmosphäre sowie einige überraschende und überraschend intensiv ausfallende Splatter-Szenen verbucht werden. Und dann sind da natürlich die Poe-Bezüge. Abgesehen von den erwähnten, vielfach unpassend untergebrachten Originalzitaten haben wir da etwa Charaktere, die nach Poe-Figuren benannt sind (z.B. „Usher“), eine fiktionale Erklärung für Poes angebliche (mittlerweile widerlegte) Opiumsucht, das Unterbringen einzelner Motive aus Poes Erzählungen (z.B. „Das verräterische Herz“) sowie knappe Nebenhandlungsstränge, deren einziger Zweck es zu sein scheint, Werke von Poe zu referenzieren (z.B. „Eleonora“). Vor allem aber, natürlich, dient die Filmhandlung als vorgebliche Hintergrundgeschichte für Poes wohl bekanntestes Werk, „Der Rabe“.

Kann man als Fan von Edgar Allan Poe sicher mal anschauen, als Fan von Folk-Horror-Settings oder klassischem Geister-/Monster-Grusel ebenfalls. Das Gesamtgefühl dieser Shudder-Produktion ist allerdings das eines Piloten für eine TV-Serie. Nicht sehr spektakulär. Mehr als behäbige 5 Punkte sind dafür nicht drin.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

26.09.2022, 02:21



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