Speak No Evil

Because you let me

von D.S.
„Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ – ein Spruch, den vermutlich jede:r kennt, genau wie die zahllosen Aphorismen rund um die Schuld der Gleichgültigen und Wegschauenden, die mehr zum Untergang der Menschlichkeit beitragen als die bewusst Bösen, die unmittelbaren Täter. Der dänische FFF-Beitrag SPEAK NO EVIL setzt derartige Mahnungen filmisch um und holt sie mittels einer konsequent schmerzhaften Erzählung, die direkt aus der gefühlten Lebenswirklichkeit stammt, auf eine Ebene, die noch das ignoranteste Publikum als auch für sich persönlich relevant realisieren können sollte.

Wer stellt sich im realen Alltag schon denen in den Weg, die sich – falls nötig, mit physischer und/oder psychischer Gewalt – das nehmen, was sie wollen, ganz gleich, wen sie damit wie schwer verletzen? Die allermeisten Menschen mischen sich lieber nicht ein, gehen dem Konflikt lieber aus dem Weg, werden lieber nicht zu laut, sagen lieber nichts Falsches. Was sind schließlich schon Überzeugungen, was ist schon Moral gegenüber einem blauen Auge oder einer blutenden Wunde am eigenen Körper?

Der dänische Regisseur Christian Tafdrup verdeutlicht in SPEAK NO EVIL auf drastische Weise, was geschehen kann, wenn man die Aggressoren, die Menschenfeinde, die empathielos Selbstsüchtigen einfach gewähren lässt. Damit ist er natürlich nicht der Erste, und sein Film ist auch nicht der Heimtückischste zum Thema – ein Haneke zum Beispiel hat das Sujet nicht zuletzt in FUNNY GAMES bereits auf eine noch deutlich zynischere, extremere Spitze getrieben. Jedoch fühlt sich jener wesentlich artifizieller an. Tafdrups Film hat zwar das Problem, dass die Ausgangssituation, der Antrieb der „Bösewichte“ im Nachhinein ziemlich konstruiert erscheint und nur bedingt Sinn ergibt. Allerdings wirken seine Protagonisten deutlich realistischer, natürlicher, echter, weshalb auch die Geschichte als Ganze unmittelbar viel mehr wie eine erscheint, die sich tatsächlich ereignen könnte.

Die Stärke seines Films liegt außerdem darin begründet, dass die Eskalation des Geschehens unglaublich langsam vor sich geht. Wie in der Parabel vom Frosch im Wasser, das ganz behutsam zum Kochen gebracht wird, testen die Täter hier ganz vorsichtig, Schritt für Schritt aus, wie weit sie gehen können, bis sich ihre Opfer wehren. Oberflächlich betrachtet bedeutet das natürlich auch, dass über eine lange Zeit hinweg nur wenig offensichtlich „Schlimmes“ geschieht. Das Dranbleiben lohnt sich aber fürs Publikum, denn wenn es dann schließlich zu spät ist, ist es zu spät … und dann gibt es nichts mehr, das hier noch unmöglich scheint, keine Tabus mehr, keine Grenzen für die Unmenschlichkeit.

Wie schwer das Filmfinale schließlich den/die Betrachter:in trifft, hängt sicherlich vom individuellen Maß der vorherigen Beschäftigung mit entsprechenden Themen bzw. Filmen ab. Leichte Kost ist es jedenfalls definitiv nicht, die wir hier geboten bekommen. Aber leichte Kost ist es ja auch nicht, sich für das zu engagieren oder das zu schützen, das man als richtig erkennt. Nötig ist es dennoch. Denn wenn man es nicht tut, wird das Böse gewinnen. Weil man es lässt.

Zwar nicht großartig originell und – gerade im Finale – mit einigen Logikschwächen versehen, aber unbeirrbar konsequent; sehr gut gespielt und in mancher Hinsicht wirklich schockierend: SPEAK NO EVIL ist ein Brett von filmischer Parabel auf die Folgen des Duckmäusertums. (Und eine effektive Warnung vor Reisen nach Holland.) 7,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

26.09.2022, 05:50



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