crazy

American Carnage

Midnight Madness für Anfänger

von D.S.
In kaum einem anderen Genre lassen sich politische Themen effektiver unterbringen als im Horrorfilm – den Beweis erbrachte nicht zuletzt Romero mit seiner DEAD-Reihe. Effektiv bedeutet allerdings nicht unbedingt offensichtlich. Ein Jordan-Peele-Film leistet wohl fraglos deutlich mehr für seine Sache als ein x-ter Teil von THE PURGE, der seine Gesinnung wie ein leuchtendes Banner vor sich herträgt. Und damit bereits Gefahr läuft, als „preachy“ wahrgenommen zu werden, was gerade bei seiner wichtigsten Zielgruppe leicht zu Reaktanz führen kann. Gegenüber einem AMERICAN CARNAGE wirkt aber selbst ein THE FOREVER PURGE wie ein Meisterwerk der Subtilität: Im rotzigen Punkrock-Style wird hier gleich im Intro ein Donald-Trump-MAGA-Maniac-Exzess auf die Leinwand gebracht und so eindeutig positioniert, dass auch Denkbenachteiligte keine Fragen mehr zu Einstellung und Mission der Filmemacher haben.

Nun teile ich diese Einstellung und Mission ja zu ca. 100 Prozent, ein Fan von plumpen Erzählstrategien bin ich aber bei Weitem nicht. AMERICAN CARNAGE wirkt von Anfang an einfach nicht besonders clever, sondern nur besonders überzeugt. Aber okay, muss man nicht so eng sehen, immerhin verspricht dieser Ansatz ein ordentliches Blutbad, das menschenverachtende, rassistische Standpunkte in einer Flutwelle hinfort fegt, und damit zudem eine ordentliche Portion Fast-Food-Unterhaltung ohne Tabus und Kompromisse. Partyfutter, ein Spaß-Gemetzel, das ausnahmsweise auch noch mit der richtigen Gesinnung unterwegs ist. Nur leider bekommt man genau das nur äußerst eingeschränkt geboten.

Nach dem politisch aufgeladenen, schnell geschnittenen Storyeinstieg wechselt der Film die Gänge und präsentiert uns in aller Ausführlichkeit ein Szenario, das mich irgendwie entfernt an SEE NO EVIL erinnert hat. Jugendliche mit Migrationshintergrund, die vom republikanischen Regierungsmob als Straftäter deklariert wurden, müssen in einem Altersheim arbeiten, um ihre Freiheit zurückzuerlangen. Was genau sie dort eigentlich machen sollen, wird im Detail nicht erörtert, aber in erster Linie geht es wohl um die Bespaßung der Insassen. Diese wirken davon allerdings nur in Teilen beglückt, immer wieder begehren einige der Oldies auf und attackieren unsere Protagonist:innen – die nicht nur deshalb bald Zweifel ob des tatsächlichen Sinns ihres Zwangsarbeit-Einsatzes entwickeln. Und siehe da, es steckt etwas viel Größeres, viel Bizarreres hinter der verpflichtenden Sozialarbeit … etwas geschmacklos Lebensbedrohliches.

Jenes ist komplett Banane und stammt aus der B-Movie-Hölle, ist dumpfer, in der Theorie sehr cooler Trash, wird aber leider absolut nicht adäquat umgesetzt. Ich wünschte mir, Troma hätte sich dieses Stoffes angenommen: Dann hätten wir zwar kaum so beeindruckende Make-up-Effekte wie hier bewundern dürfen, wohl aber viel mehr davon – und viel hemmungslosere. Wenn man eine derart platte Story ohne jede Hintergründigkeit, wie sie hier dargeboten wird, verfilmen möchte, sollte man doch bitte in die Vollen gehen, dem Publikum Gore, Unkorrektheiten, derben Humor und Action ohne Zurückhaltung und ohne Atempause bieten. Stattdessen versucht sich AMERICAN CARNAGE aber in einem langsamen Storyaufbau und will uns mit schockierenden Entdeckungen überraschen, die gar noch durch Liebesbefindlichkeiten zwischen einzelnen Figuren verlangsamt werden. Das funktioniert nicht, denn jene Entdeckungen lassen sich nur allzu bald vorhersehen – und jene Figuren sind Eindimensionalität und Oberfläche pur. Was bei einem Partyfilm natürlich völlig egal ist, allerdings ist dieser Film eben nur sehr bedingt ein solcher.

Vielleicht hilft der Konsum von ein paar alkoholischen Getränken beim Genuss dieses einerseits komplett over-the-top-, andererseits befremdlich zahm daherkommenden Polit-Splatter-Nicht-Spektakels. Die Zeiten sind hart, und ich freue mich über jeden, der das Herz am richtigen Fleck trägt. Man muss allerdings schon ein Genre-Neuling sein, damit es einem hier aufgeht. Flaue Witze, viel zu wenig Tempo, nur selten ausufernd spritzendes Blut: Für mich leider nur 5,5 Punkte wert – am Ende einfach viel zu brav und mit dem Fuß öfter auf der Bremse als auf dem Gaspedal.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

27.09.2022, 04:41



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