Ex Drummer

My Way or the Highway

von D.S.
Was für ein abgefahrener Genrebastard! Mit Sicherheit einer der durchgeknalltesten Festivalbeiträge 2007, aber noch viel mehr als "nur" das: überraschend ohne Ende, mitreißend, bewegend, kreativ, bösartig, zum Schreien komisch, tragisch... und all das in einem Mix der Marke "no holds barred".

Nach der Beschreibung im Programmheft und den Stimmen hier bei f3a hatte ich ja schon einiges erwartet. Aber ehrlich gesagt, etwas leicht anderes - nämlich einen Film, der fast ausschließlich auf Ekel-Momente fokussiert, krankhafte Typen, ihre Perversionen und andere Widerlichkeiten präsentiert und vor allen Dingen unglaublich trashig ist. Anfangs hatte ich sogar überlegt, den Film auszulassen, da ich dachte, er könnte vielleicht zu anstrengend oder sogar nervig sein. Weit gefehlt... und wie weit!

Nicht falsch verstehen, "Ex Drummer" bietet all das AUCH, und sämtliche Protagonisten sind tatsächlich absolute Sickos. Aber je länger der Film läuft, desto mehr entfalten sie sich und mit ihnen die Story... hier steckt sehr viel mehr dahinter, als man nach der wahnwitzigen, temporeichen, gnadenlos krank lustigen ersten halben Stunde erwarten könnte. Perspektiven ändern sich, genau wie die Eindrücke, die man als Zuschauer von der seltsamen Kombo "The Feminists" und ihren Mitgliedern gewinnt. Und es warten böse Überraschungen auf den zunächst auf überdrehten Fun geeichten Betrachter...

Schon die Ausgangsidee der Erzählung ist ziemlich einzigartig: drei vollkommene Loser mit sehr unterschiedlichen, naja, Handicaps (der Bassist hat einen steifen rechten Arm, der Gitarrist ist so gut wie taub, der Sänger ist von manischem Frauenhaß und Gewaltgeilheit getrieben; dazu kommen sie alle aus absolut kaputten sozialen Zusammenhängen) kommen aus irgendeinem Grund auf die Idee, ernsthaft eine Band betreiben zu wollen. Noch viel absurder scheint ihr Gedanke, als Drummer einen populären, ortsansässigen Schriftsteller anzuheuern. Der ist ein elitärer, zynischer Yuppie-Typ und hat mit ihnen, ihren Ideen und ihrer Lebensart natürlich gar nichts am Hut, läßt sich dann aber doch auf die Sache ein. Weil er das ganze wohl irgendwie interessant findet.

Was dann folgt, sind teils unglaubliche Einblicke in das Privatleben aller Beteiligten, Bandproben, Gewaltausbrüche, Bizarrheiten über Bizarrheiten... und dann eben noch viel mehr, was hier aber nicht verraten werden soll. Einen Film wie diesen muß man ohnehin selbst erleben, denn Worte können diesem wahnsinnig originellen Machwerk nicht so recht Genüge tun.

Nur so viel - das Ganze wandelt sich zu einer enorm facettenreichen Mischung aus Groteske, Musikfilm und Drama, wobei man bei einigen Szenen aus dem Lachen nicht mehr herauskommt, bei anderen vor Ungläubigkeit nur noch den Kopf schüttelt und bei wieder anderen schlicht fassungslos den Mund offen läßt. Und wie gesagt - es geht hier nicht nur um Ekelszenarios, sondern um VIEL mehr.

Nebenbei sei noch erwähnt, daß nicht nur "The Feminists" ihre Instrumente weitaus besser beherrschen als befürchtet. Der Soundtrack des gesamten Films rockt ohne Ende, von klassischem Punk über Hardcore bis hin zu Doom Metal und fett groovendem Rock wird hier alles geboten, was lebendig, schmutzig und laut ist.

Leider hat der Film ungefähr in der Mitte ein paar Durchhänger. Der technische Innovationsgrad der ersten halben Stunde wird sowieso später nicht gehalten - macht aber nicht unbedingt was, denn auch der Fokus des Films ändert sich ja. Aber zwischenzeitlich scheint "Ex Drummer" ein bißchen herumzuirren inmitten seiner Optionen. Zum Glück beschreitet er dann wieder entschlossen seinen Weg und hinterläßt einen mit dem Gefühl, etwas Intensives, Schmerzhaftes, Wahres, fast Einzigartiges erlebt zu haben. Beeindruckend und Pflicht für jeden, der auch abseits gängiger Sehgewohnheiten sein Heil findet - und keine Angst vor etwas Schmutz hat. 8 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

05.08.2007, 04:51



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