Auch wenn es an Majestätsbeleidigung grenzt, ich stelle mir die Vorgeschichte von „Diary of the Dead“ ungefähr so vor: George Romero betritt versehentlich ein Internetcafé und fragt den Besitzer – „Entschuldigen Sie, diese Kisten da mit den bunten Bildern, was ist das?“ – „Das sind Computer. Damit kann man ins Internet.“ – „Internet, sagen Sie? Das klingt ja interessant. Und was macht man da so?“ Hilfsbereit, wie der junge Mann ist, gibt er Romero einen Crashkurs. Zeigt ihm YouTube und MySpace, erzählt ihm was von der sozialen Relevanz von Weblogs (ungefilterte Nachrichten, von jedem, für jeden, und so) und davon, wie das Internet überhaupt die Kommunikation der Menschen untereinander totaaaal revolutioniert hat.
Romero geht nach Hause und ist erst mal beeindruckt. Diese modernen Zeiten, Mensch, da muss man doch was draus machen. Hmm, nur was? Vielleicht was mit Zombies? Da kennt er sich doch aus, und außerdem sind die alten Untoten im Moment ja sowieso wahnsinnig angesagt. Wie wäre es denn... hmmm... mit einem Film über junge Leute, die alle modernen Medien benutzen, während sie mit Zombies konfrontiert werden? Hammer, oder? Ha, noch besser: wir lassen sie selbst eine Dokumentation über die Zombie-Bedrohung filmen! Dann haben wir nämlich auch gleich noch dieses „Blair Witch“-Ding mit abgefrühstückt, wacklige Kameras und Off-Screen-Kommentare und so, das ist ja aktuell auch voll der Hit, „Cloverfield“ und so. Und als Titel? Klar, irgendwas mit „... of the Dead“, bin ja nicht von gestern, haha. Hey, wie wär’s mit „Diary of the Dead“? Erinnert an die eine Internet-Seite, die der nette Mann mir gezeigt hat, „Live Journal“. Na, wenn das mal nichts wird?!
Ok. Nein. So schlimm ist das alles gar nicht. Tatsächlich ist „Diary“ für sich genommen sogar ziemlich unterhaltsam und hat auch ein paar nett gorige Szenen. Wenn es ihm auch zwischendurch immer wieder an Action mangelt – und an Atmosphäre sowieso. Die wird nicht zuletzt durch ein paar wirklich nette Witze gestört (etwa, wenn unser schwer technikaffines Jungspund-Pack mit einem taubstummen Amish konfrontiert wird oder wenn sich Romero überraschend bissig über die Highspeed-Zombies in „28 Days later“ oder dem „Dawn of the Dead“-Remake lustig macht). Im Film sind tatsächlich ein paar Lachgaranten versteckt. Aber na ja, wie vertragen die sich mit der wohlbekannten Beklemmung, die „Dawn...“ und „Day...“ kontinuierlich auslösten?
Vor allem aber verhindert der formale, ähem, „Kniff“ des Films, den ich durch meine Einleitung andeuten wollte, das Entstehen einer solchen Atmosphäre. „Diary of the Dead“ ist über 99,9% seiner Laufzeit ein Film im Film: wir sehen „The Death of Death“, eine Doku über das Ende der Menschheit im Zombiesturm. Die übrigens alle bisherigen Teile des „...of the Dead“-Epos ad acta legt, wir fangen quasi bei Null an. Eine Gruppe von Filmstudenten versucht, den Zombiehorden zu entfliehen und macht sich auf den Weg zu den elterlichen Wohnungen in der Pampa, wobei sie alles minutiös auf Video festhalten, was ihnen auf dem Weg passiert.
Das sind natürlich in erster Linie Konfrontationen mit Zombies – und mit ihren eigenen charakterlichen Schwächen, ihren Gefühlen zueinander, ihren Hoffnungen und Ängsten. Dabei folgen wir dem Geschehen aus der Perspektive verschiedenster Kameras, von der Handycam bis zum Überwachungskameravideo in schwarz-weiß ist alles dabei, natürlich auch Momente wie „Mist, die Batterie ist gleich leer“ und auch das beliebte „Jetzt hör auf zu filmen, hilf mir lieber! – Nein, ich muss alles filmen!“
Dazu kommen dann allen Ernstes hochtrabende Äußerungen über die befreiende Macht des Internets und die aufklärerische Wirkung von Weblogs, wie ich sie heutzutage vielleicht noch von Grundschülern erwartet hätte – aber nicht von einem alten Kämpen wie Romero. Aber gut, war wohl mal wieder Zeit für eine „sozialkritische“ Komponente...
Was am Ende bleibt, ist ein leidlich unterhaltsamer Zombiefilm, der storyseitig absolut nichts Neues bieten kann, das aber mit halbgaren Narrationsspielereien wettmachen will, die selbst schon längst überholt wirken. Für sich genommen, gar kein schlechter Film, beileibe nicht. Aber für einen Regisseur mit dieser Historie: leider kein Ruhmesblatt. Vor allem nämlich: total austauschbar. „Diary of the Dead“ hätte von absolut jedem x-beliebigen Regisseur sein können.
Na gut, die Zombies sehen ganz brauchbar aus. Konsequent ist die Story auch. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass hier jemand krampfhaft Trends hinterher rennen will, die inzwischen auch noch überholt sind. Darum nur 6,5 Punkte. Und wenn mir jetzt noch jemand erklären kann, warum Romero im Abspann ausgerechnet Tarantino danken muss...? |