von Fans für Fans

Seul contre tous

Im Königreich der Ärsche

von Frank
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"Seul contre tous" ist ein Film von Gaspar Noe (Irreversible) aus dem Jahre 1998, auch bekannt als "Menschenfeind", "One against all" oder "I stand alone". Auch das Drehbuch stammt von ihm.

In tristen Bildern, als Diashow arrangiert, wird uns im 5 Minuten Schnelldurchgang, von Marschmusik untermahlt, das bisherige Leben der Hauptfigur vorgestellt.

"Der Schlachter" hatte eine armselige Kindheit. 1939 geboren, ohne Vater aufgewachsen, mit zwei Jahren von der Mutter verlassen, wächst er in einem Heim auf. Mit 6 Jahren wird er dort von einem Erzieher vergewaltigt, im Alter von 14 beginnt er eine Schlachterausbildung, sorgt für sich selbst und bringt es in seinem 30. Lebensjahr zu einer eigenen Metzgerei. Aus der Beziehung zu einer Näherin geht eine geistig zurückgebliebene Tochter hervor. Seine Frau verlässt ihn, er erzieht die Kleine allein. Nach dem Versuch, einen Mann für ein vermeintliches Verbrechen an seiner Tochter zu bestrafen (sie ist inzwischen in der Pubertät), landet er im Knast, da er einen Unschuldigen mit einem Messer niederstach. Seine Tochter lebt von nun an im Heim.
"Der Schlachter" erkauft sich seine Freiheit, indem er Wohnung und Schlachterei veräußert, arbeitet als Kellner und verliebt sich in die Inhaberin, die von ihm schwanger wird. Sie ziehen in eine triste Gegend, nach Lille, im Norden von Paris. Doch nichts läuft wie erwünscht, seine Frau fängt ihn an zu nerven...

Für den Zuschauer beginnt die eigentliche Geschichte des Films an diesem Ort, im Jahre 1980 - drei Monate im Leben eines Menschen.

Von nun an hören wir im wesentlichen nur noch die Gedanken des Schlachters - einen riesigen Monolog. Er geht allein zurück nach Paris. Das Leben ist so trist wie sein Hotelzimmer und seine neue Heimat.

Seine Gedanken kreisen um die eigene erbärmliche Lage und so manifestiert sich auch das Bild der Welt außerhalb von ihm. Ein angenommener Job im Altenheim kann hier keine Abhilfe schaffen, im Gegenteil, ihm wird nur noch mehr bewusst, wie jämmerlich das Leben an sich, das Leben aller Menschen ist. Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels. Das Gute existiert nur, um einem kurzen Zweck zu dienen. Liebe? Was soll das eigentlich sein? Was für Inhalte kann so ein Leben noch bieten? Wozu Leben, wozu das alles? Er sehnt sich danach, nicht wie Millionen anderer Idioten zu enden, Individualität zu leben, blendet aber gleichzeitig die Möglichkeiten außerhalb von ihm und den vielen Idioten aus, mehr noch, er schließt sie aus, sie existieren einfach nicht, sind kein Teil seiner Welt mehr.

"Der Schlachter" will nicht viel vom Leben, sondern Qualität und Intensität.
Er steckt voller Erkenntnisse und Selbsteinsicht, ist jedoch unfähig aus seinem Kreis (der inneren Welt) auszubrechen.
Wie kann man behaupten, am Ende des Tunnels sei kein Licht, wenn man das Ende nicht sieht oder erreicht? Unserer Hauptprotagonist lebt in seiner eigenen Unterwelt. Er hofft nicht mehr, sondern akzeptiert. Er muss sein Ding durchziehen. Lieber ertrinken als ersticken. Demütigung und Schande hat er schon genug erlebt. Moral ist etwas für die Reichen, die sie gepachtet haben. Er sagt es ganz klar: "Ich grabe mir einen Tunnel durch dieses Meer von Scheiße, was mich umgibt".

Doch wohin werden ihn seine Gedanken, seine innere Stimme führen? Überwindet er seinen eigenen Schweinehund oder wird er zum Schwein? Kann er sich durchschlagen ohne Freunde, ohne Geld? Trägt er Verantwortung?

Menschenfeind ist Minimalismus pur, quasi ohne Musik (am Ende gibt's einen Song) verwirklicht. Nur von sekundenlangen Sounds, um den Zuschauer aufzurütteln, und kurzen Gesprächen wird der innere Dialog der Hauptfigur unterbrochen. So farblos wie sein Leben sind auch die Bilder. Personen werden gerne vor Mauern, trostlos wirkender Umgebung abgelichtet, meistens in der rechten Bildhälfte zu sehen.

Da offensichtlich so wenig Gelder für diesen Film zur Verfügung standen oder nicht gebraucht werden wollten, entzieht er sich hinsichtlich cineastischer Möglichkeiten ein wenig der Bewertung zur Konkurrenz. Seine Stilmittel sind so zweckmäßig wie effektiv. Es sind Kleinigkeiten, die mich gestört haben, insgesamt betrachtet sind diese jedoch kaum von Belang. All diejenigen, die das Kino nur für seine technischen Möglichkeiten lieben, lassen besser gleich die Finger davon.

Fazit

Seul contre tous ist ein genialer Film, der die Geisteswelt dieser armen Seele verstanden hat.
Ein erstaunlich präzises und tiefes Charakterportrait. Ein Mann, eine Mission. Individuum über Kollektivgeist. Erfahrung vor Moral und Konvention. Ein ungemein stimmiger Film mit Seitenhieben auf den Freudschen Penisneid.
Großes Kino mit kleinstem Aufwand und ein Film für Menschen, die zuhören können. Unbedingt ansehen!
Frank

09.12.2008, 01:45




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