crazy

Silent Night

Emergency Brexit

von Herr_Kees
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Für viele Familien kommt das alljährliche Weihnachtsfest im Familien- oder Freundeskreis ohnehin schon einem Weltuntergangsszenario gleich. Camille Griffins Film macht damit Ernst: Die Natur schlägt nach jahrzehntelanger Ausbeutung zurück und die gesamte Erde wird in kurzer Zeit von Wolken giftiger Gase überzogen werden, die einen qualvollen Tod in Aussicht stellen. Zum Glück hat die britische Regierung für die meisten – nicht alle! – Bürger eine pragmatische Lösung zur verfügung gestellt…

Familienzusammenkünfte, bei denen lange unterdrückte Wahrheiten und gut gehütete Geheimnisse auf den Tisch kommen, gerne an Weihnachten oder Thanksgiving, wurden schon oft filmisch umgesetzt, meist als Drama, gerne auch satirisch-bissig, allerdings wohl noch nie mit einem derart düsteren Hintergrund. So sind die humoristischen Aspekte des Films zwar durchaus witzig, dienen aber eher dazu, die tiefe Traurigkeit und Beklemmung, die über diesem Weihnachtsabend liegt, überhaupt erträglich zu machen. Ohne seinen zutiefst britischen Humor wäre der Film wohl kaum zu ertragen, es ist quasi eine englische Variante von Lars von Triers Über-Downer MELANCHOLIA.

Denn spätestens, wenn die Kinder mit dem eigenen zeitnahen Ableben (und dem ihrer Eltern) konfrontiert werden und Fragen nach Alternativen stellen, auf die auch die Erwachsenen keine Antwort wissen, schleicht sich langsam ein Kloß in den eigenen Hals.

Für einen richtig starken emotionalen Film fehlt SILENT NIGHT letztlich das gewisse Etwas, sei es die Konsequenz, sich auf eine Tonalität festzulegen oder ein etwas weniger erwartbares Ende. Doch der Cast ist absolut sehenswert, insbesondere Roman Griffin Davis, der schon in JOJO RABBIT wunderbar die Gratwanderung zwischen unfassbarem Schrecken und kindlichem Humor beherrschte. SILENT NIGHT ist übrigens ein Familienfilm: Romans Mutter Camille ist Autorin und Regisseurin, ihre beiden anderen Söhne spielen Romans Filmbrüder Thomas und Hardy (…).
Herr_Kees
sah diesen Film im Gloria, Stuttgart

25.10.2021, 12:26


To all a good Night

von D.S.
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Da der allergrößte Teil dieses ungewöhnlichen Weltuntergangsfilms aus (oft gereizten) Dialogen von verschiedenen, recht divers gezeichneten Mitgliedern der britischen Middle und Upper Class besteht, die sich zu einer letzten gemeinsamen Weihnachtsfeier im Kreise von Freunden und Familie in einer äußerst großzügigen Villa auf dem Land versammelt haben, ist es für den Filmgenuss des individuellen Zuschauers entscheidend, ob er mit dem handelnden Personal etwas anfangen kann. Ich konnte das leider nicht – ich empfand sämtliche Figuren als sehr unsympathisch, von den anstrengenden Kindern über die tratschenden Frauen bis zu den selbstbezogenen Männern. So gingen mir ihre ausufernden Unterhaltungen, die sich zumindest in der ersten Filmhälfte fast nur um Trivialitäten drehen, ziemlich schnell auf die Nerven – zwar lange nicht so extrem wie bei BLOODY ORANGES, aber dort war das ja Konzept, hier nur ermüdend. Und so war mir das Schicksal sämtlicher Protagonisten am Ende auch ziemlich gleichgültig.

Hinzu kommt selbstverständlich, dass hier fast von Anfang an klar ist, worauf das Geschehen hinauslaufen wird. Die Apokalypse kommt nicht als Überraschung über Figuren oder Zuschauer; sie dient also auch nicht als plötzliche Wendung, die zuvor Gesehenes und Gehörtes in einen neuen Kontext rückt und es einen nachträglich anders bewerten lässt. Das meiste bleibt einfach Nichtigkeit. Und das Wissen darum, dass solche Nichtigkeit vielleicht in Wirklichkeit nur verzweifeltes Festklammern an einer Illusion von Normalität im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ist, macht es nicht spannender, bedeutsamer, emotional wirksamer.

Natürlich, die erstklassigen Darsteller spielen ihre Charaktere sehr glaubwürdig und gefühlt authentisch. Und natürlich, je näher das unausweichliche Ende des Films kommt, desto mehr beginnt man dann fast ebenso unausweichlich doch, sich in sie hineinzuversetzen und ihre Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung mitzufühlen. Daran ist insbesondere der Score nicht unschuldig, der im letzten Drittel echte Tragödien-Tiefen ausschöpft und für bittersüße Gefühle sorgt. Ganz konsequent ist SILENT NIGHT, der übrigens nur sehr geringe Weihnachts-Vibes ausstrahlt, aber selbst hier nicht und unterbricht die sich endlich entfaltende Klos-im-Hals-Stimmung durch überflüssig „lustige“, deplatzierte Szenen.

Was ohnehin ein Kernproblem des Films ist: Er kann sich nicht so recht entscheiden, ob er statt Drama nicht doch lieber Komödie sein möchte und lädt durch entsprechende „Witzigkeiten“ – wie etwa ein vom ganzen Ensemble (mit-) gesungenes Weihnachtslied von Michael Bublé – öfter mal zum Stirnrunzeln oder gleich zum Fremdschämen ein.

Zusammengefasst ist SILENT NIGHT eine Kreuzung aus MELANCHOLIA und PETER‘S FRIENDS, die zufällig an Weihnachten spielt, ziemlich geschwätzig ist und nicht immer den richtigen Ton trifft. Toll gespielt und mit ein paar interessanten bis bissigen sozio-politischen Insights versehen ist der Film fraglos, und wer mit den Figuren warm wird, kann sich hier unter Umständen doch sehr gepackt und schließlich auch emotional stark mitgenommen fühlen. Das war bei mir leider nur bedingt der Fall: Knappe 6 von 10 Punkten, wobei die vollkommen vorhersehbare letzte Einstellung meine Wertung noch ein Stück nach unten gezogen hat.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

02.11.2021, 00:43


Drummerboy-Downer

von Leimbacher-Mario
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„Silent Night“ entließ uns dieses Fantasy Filmfest als Abschluss in die Nacht und die frühe Vorweihnachtszeit. Ganz passend, da es ja leider wieder keine FFF White Nights geben wird. In diesem ausgedehnten Weltuntergangskammerspiel kommt eine bunte Familie mit Anhang an Weihnachten zusammen und wie üblich herrschen zuerst Friede, Freude, Heiterkeit. Doch schnell treten die brodelnden Geheimnisse und Konflikte ans Licht. Wird auch Zeit. Denn die Welt geht da draußen gerade durch ein sich rasend und tödlich verbreitendes Gas unter. Zum Glück hat die Regierung schmerzfreie „Sterbepillen“ verteilt…

Irgendwo zwischen „Tatsächlich… Liebe“, „These Final Hours“ und „Gott des Gemetzels“ kann man diese köstliche Familienfeier beschreiben. Mit akutesten (Pandemie-)Themen. Mit einem tollen Cast. Mit etlichen feinen, internationalen Weihnachtsliedern. Mit einigen Lachern genauso wie einigen Klößen im Hals. Scharfzüngig und stargespickt. Mit einem Ende, das man eine Stunde gegen den Wind riecht, das jedoch immer noch funktioniert und nur so sein kann. Mit guter Laune über bösem Humor. Mit nervenden Kindern und heuchelnden Erwachsenen. Mit einem famosen „Jojo Rabbit“. Vielleicht einziger kleiner Wermutstropfen: das Ding ist momentan sehr leicht extrem regierungskritisch und anti Impfung zu lesen. Doch auch das kann ja anregend und gesprächsanstoßend wirken. Und ist auch nur eine Möglichkeit der Interpretation. Plus: ich habe eine Faible für Weltuntergangsfilme. Daher trifft dieser tödliche Cocktail bei mir ins Herz, ins Schwarze, ins Humorzentrum und ins Zeitbewusstsein. Grandios. Auch wenn ich ihn wohl nie mit meiner Familie an Weihnachten gucken werde oder gucken wollen würde…

Fazit: Für mich ein neuer, britischer Xmas-Klassiker mit Kante, Diskussionspunkten, Zeitaktualität, klasse Musik, authentischen Dialogen, tollen Darstellern. Da passt schon einiges unter diesem zynisch-schmalzigen (!) Baum!
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

08.11.2021, 00:50




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