crazy

Ted K

Bombings for Future

von Herr_Kees
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Man könnte Theodore Kaczynski als einen frühen und sehr extremen Umweltaktivisten bezeichnen. Der sozial ungeübte Eigenbrötler lebt seit 25 Jahren naturverbunden in einer winzigen Hütte in den Bergen Montanas. Seinen Zorn auf tieffliegende Düsenjets, versprühte Pestizide und die Ausbeutung der Natur kann man bestens nachvollziehen und seine Auslassungen gegenüber der aufkommenden Computertechnologie als Bedrohung der Menschheit wirken im Zeitalter von Wahlmanipulation und Hassverbreitung durch Social Media, selbstfahrende Autos und „intelligente“ Waffen nahezu prophetisch.

Die Sache ist nur: Ted K. treibt seinen Protest etwas zu weit und wird als der „Unabomber“ in die amerikanische Kriminalgeschichte eingehen.

Der Film von Tony Stone ist – wie uns eine Texttafel zu Beginn informiert – maximal authentisch unterfüttert, wurde an Originalschauplätzen in Montana gedreht und verwendet ausschließlich Originalzitate aus Kaczynskis codierten Aufzeichnungen für die inneren Monologe.

Zwei Stunden mit einem Bombenattentäter in seiner Hütte, das klingt nicht gerade nach einer atemberaubenden Filmerfahrung. Doch TED K. ist u. a. durch sein Sounddesign, eingestreute Fantasiesequenzen und vor allem Sharlto Copleys intensives Spiel ungeheuer immersiv gestaltet, wir sind immer in Teds Kopf und hautnah dabei, wenn er seine ersten explosiven Experimente startet, sich mit Jobs herumschlägt, um Bombenbaumaterial kaufen zu können und schließlich seine speziellen Pakete ausliefert. Das ist spannender als zwei Staffeln MINDHUNTERS.
Herr_Kees
sah diesen Film im Gloria, Stuttgart

24.10.2021, 23:49


Freedom Club

von D.S.
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Sehr um Authentizität bemühte, ausführliche, zum großen Teil getragen und atmosphärisch sogar fast intim inszenierte Auseinandersetzung mit dem Handeln des „Unabombers“ Theodore Kaczynski. Als hochintelligenter Soziopath lebte der Doktor der Mathematik nach dem plötzlichen Abbruch seiner Lehrtätigkeit ab 1971 zurückgezogen in einer kleinen Berghütte in Montana und hielt seine Gedanken dort auf abertausenden Seiten in einer eigenen Codesprache fest.

Wenn es auch in diesem zweistündigen Werk nur selten zu Action-Einsprengseln kommt, ist es doch keine Sekunde lang langweilig, im Gegenteil: Das Eintauchen in die Gedankenwelt dieses vielleicht ersten „Öko-Terroristen“ entwickelt eine ungemeine Faszination, da es sich ungefiltert anfühlt und man den Eindruck gewinnt, seiner Persönlichkeit tatsächlich näher zu kommen und die Beweggründe für sein Tun zumindest teilweise nachvollziehen zu können – was bei anderen „True Crime“-Biopics nur sehr selten der Fall ist.

Deshalb ein hochinteressanter Film, der mit einem glänzend aufgelegten Sharlto Copley in der Titelrolle gesegnet ist und trotz der überwiegenden Nüchternheit seiner Erzählung sehr fesseln kann. Fragwürdig fand ich höchstens ein paar wenige Sequenzen, die Halluzinationen und Wahnvorstellungen Kaczynskis zeigen und dabei recht deutlich aus der Rolle fallen. Zudem hätte ich mir ab und zu eine klare zeitliche Verortung des gerade gezeigten Geschehens gewünscht. Deshalb von mir insgesamt nur gute 6,5 von 10 Punkten. Allen an der Zeitgeschichte interessierten FFF-Gängern aber unbedingt empfohlen.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

28.10.2021, 04:16


Psychogramm eines falschen Propheten

von Leimbacher-Mario
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„Ted K“ erzählt in Spielfilmform die Geschichte des Unabombers, der aus seinem waldigen Heim und Versteck die USA jahrelang in Atem gehalten und etliche Paketbomben verschickt, Tote und Verletzte verursacht hat. Was kann diese wummernde Collage aus echten (!) Schnipseln aus seiner Gedankenwelt dem Thema und Subjekt noch hinzufügen? Vor allem nach den etlichen bereits bekannten Dokus und Berichten? Eine authentische und verstörende Menge, würde ich behaupten.

Schon in seiner Titelszene hat mich „Ted K“ sofort gepackt. Klar 80er, aber dermaßen brummig, hochwertig und authentisch, neugierig machend und roh, künstlerisch wertvoll ohne aufdringlich artsy zu sein. Klasse. Der Score ist eine Wucht. Die Atmosphäre hat Sog und Zerstörungskraft, wie es sich für einen solchen Typen und solches Thema gehört. Copley legt (endlich mal wieder humorlos!) alles in die Rolle. Er ist auch Produzent. Und die größte Stärke von „Ted K“: er nutzt nahezu nur Dialoge, Aussagen und Sätze aus den mysteriösen Manuskripten des porträtierten Mannes. Was einen unheimlich tief in dessen kaputte, manchmal aber auch kongeniale Gedanken und seine tieftraurige Seele eintauchen lässt. Gespenstig. Gefährlich.

Fazit: Intensive, brummende und unangenehme Charakterstudie eines selbsternannten Weltenretters, dessen Ansätze zwar nachvollziehbar und logisch erscheinen, dessen Auswüchse, Entwicklung und Taten aber unentschuldbar sind. Und somit dieser Film auch? Nein. Es ist ein anstrengendes Gedicht an die Grautöne. Keine Glorifizierung.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

08.11.2021, 01:42




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